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Die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sollen die globale Finanzkrise so schnell wie möglich in Ordnung bringen. Neben einer grundsätzlichen Einigung bestehen aber zahlreiche Differenzen.

Foto: AP/Richard Drew

Die globale Finanzkrise fordert von den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern eine rasche Einigung zur Regulierung der weltweiten Kapitalmärkte. In Washington sollen die Weichen für ein neues Finanzsystem gestellt werden.

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Die globale Finanzkrise hat die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zur Eile gedrängt. In Washington soll es jetzt zu einer Reform des globalen Finanzsystems kommen. Das Ziel wurde von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgegeben: Die Finanzkrise dürfe sich nicht wiederholen. Prinzipiell ist man sich auch über die Entwicklung des globalen Wirtschaftssystems einig. Der Weg soll eingeschlagen werden in eine Welt mit mehr Regulierung an den Finanzmärkten. Doch über das Ausmaß der Regulierungen besteht noch wenig Einigung.

Angela Merkel, die bislang zu den Befürwortern eines kompakten Kompromisses gehörte, reist jedenfalls mit einem umfangreichen Vorschlagspapier nach Washington. Der ehemalige Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, hat mit fünf Kollegen ein Papier für die deutsche Kanzlerin ausgearbeitet. Darin fordert Issing, viele Lücken in der weltweiten Regulierung zu schließen. "Ziel muss es sein, ein Aufsichtssystem ohne Lücken zu erreichen," so die Experten in dem Papier.

Die Aufsicht über alle Arten von Finanz-Institutionen soll verbessert und ausgedehnt werden, auch bei Hedge-Fonds. Für direkte Geschäfte unter Banken mit Kreditderivaten sollen Clearing-Stellen geschaffen werden, die die Risiken absichern. Auch Rating-Agenturen sollen stärker ins Visier genommen werden. Zudem fordert Issing eine Risiko-Weltkarte. Diese solle auf einen Blick deutlich machen, wo sich Risiken häuften und alle großen Finanzinstitutionen von Banken bis Hedgefonds abbilden.

Auch ein weiterer Punkt zeichnet sich für die kommende Wirtschaftsordnung ab: Manche Industrieländer wollen dem Internationale Währungsfonds (IWF) eine größere Rolle im Finanzsystem zuteilen. EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy fordert sogar, den IWF als "Finanzpolizei" zu etablieren. Diesem Vorschlag stehen andere Länder wie Deutschland und Japan aber skeptisch gegenüber.

Noch mehr Misstrauen kommt indes aus den großen Schwellenländern. Da sie im IWF durch das Stimmensystem unterrepräsentiert sind, fordern sie zunächst eine Reform der Machtverteilung. Ein brasilianischer Delegierter sagte der Financial Times: "Was die G8 (Gruppe der acht führenden Industrienationen, Anm.) betrifft, ist ihre Zeit wohl vorüber."

Während eine Einigung an dieser Front schwierig ist, ließ Nicolas Sarkozy mit einer Annäherung mit Russland aufhorchen. Auf dem Russland-Europa-Gipfel in Nizza betonte Frankreichs Präsident, die Positionen von Russland seien denen der EU sehr ähnlich. "Wir sitzen alle in einem Boot." Russlands Präsident Dmitri Medwedew ergänzte: "Ich bin sicher, dass wir in Washington mit einer Stimme sprechen werden."

Überschattet wird der Gipfel in den USA von der Rezession in der Eurozone. Erstmals ist das Bruttoinlandsprodukt für zwei Quartale gefallen. Im dritten Quartal bis Ende September schrumpfte die europäische Wirtschaft um 0,2 Prozent. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown fordert daher koordinierte Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft. Werde nicht gehandelt, würden die Kosten am Ende sehr viel höher sein. Ein Impuls habe zudem die größte Wirkung, "wenn er international abgestimmt ist", so der Premierminister. Indes appellierte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon an die größten Wirtschaftsmächte, die Ärmsten der Welt nicht zu vergessen. Mehr als 170 Staaten würden nicht an dem Gipfel teilnehmen.

Ob der Gipfel ähnliche Veränderungen wie die Gespräche in Bretton Woods 1944 bringen wird, wird von vielen Teilnehmern bestritten. Von einer Revolution könne keine Rede sein, so ein deutscher Regierungsvertreter. Das Ziel für Merkel ist aber klar definiert: Sie fordert klare Arbeitsaufträge für die nächsten hundert Tage. Im Gespräch ist zudem ein weiterer Gipfel im März - mit einem US-Präsidenten Barack Obama. Amtsinhaber George Bush hatte vor zu großen staatlichen Eingriffen gewarnt. (sulu, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)