Screenshot: Susanne Schuda
Screenshot: Schuda

Täglich treffen wir Entscheidungen, Entscheidungen zwischen Negation und Affirmation: Aufstehen oder Liegenbleiben, Engagement oder Verweigerung, Ja oder Nein, Eins oder Null.

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Susanne Schudas Installation in der k/haus-Passage beginnt mit den Worten: "Ich hasse den Morgen, da träume ich immer von Anpassung, ich bin ein Stück Plastillin, ein Kinderspielzeug das nicht die richtige Form findet." Der Text, ein innerer Monolog, gelesen von einer sonoren Männerstimme, beschallt bereits den unterirdischen Gang, der von der U-Bahn zur Passagengalerie am Wiener Karlsplatz führt. Die Gedanken des Poeten, so der Name des Protagonisten im Video, durchdringt sowohl den öffentlichen Raum als auch die persönliche Wahrnehmen, beides Konzepte, die von der Künstlerin eingehend bearbeitet werden.

Wirklichkeit

"Meist beginne ich eine Arbeit mit einem Text", so Susanne Schuda, die der Installation den Titel Letztendlich bin ich Poet, und zumeist bekomme ich was ich will. gegeben hat: "Dem folgt eine vage Vorstellung wie die Figur dazu aussehen soll, was sie darstellen soll. Ich suche dann nach bestimmten Begriffen im Internet und setze aus privaten und kommerziellen Bildern die Collagen zusammen." Aus ihren digitalen Montagen, die sie mit Animationen vermischt, entsteht ein Bild-, Text- und Soundteppich, der es ihr erlaubt unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit zusammenzuführen und damit neue, oftmals sehr persönliche Gesichtspunkte auf das Leben, mit öffentlicher Wissens- und Wirklichkeitsproduktion zu vermengen.

Störung

Die Videoinstallation in der Passage des Künstlerhauses, für deren Sound Susanne Schudas künstlerischer Partner Florian Schmeiser verantwortlich zeichnet, wird ergänzt durch einen großflächigen Digitalprint. Weiters duch die Textzeile "Die verstehen mich, und ich sie", die an einer der Wände im Glaskubus geschrieben steht, sowie durch ein frei hängendes, zweidimensionales Objekt, das den doppelköpfigen Protagonisten des Videos, den Poeten, darstellt. "Er versteht sich selbst als sogenannter Kulturmensch, mit sehr sensiblen Gefühlen und einer harmonischen Vision der Welt", so die Künstlerin im Gespräch: "Die Harmonie und der Poet werden aber ungemütlich sobald seine Visionen gestört werden."

Agression

Ungemütlich wird auch die Stimmung, die das Video in der ohnehin beklemmenden unterirdischen Galerie der k/haus-Passage verbreitetet, wenn man nicht nur daran vorbeigeht, sondern sich die Zeit nimmt, dem Text näher zu lauschen. Ein Zitat: "Selbstbehandlung. Ich schwöre auf geschärfte Stahlseile, damit kannst du dir alles abtrennen, du kannst das Fleisch von den Knochen ziehen. Alles vernichten und sehen das nichts dahinter ist." Es spritzt Blut, Stahlseile durchtrennen Körperteile und das alles in einer bewusst überästhetisierten, ja fast Lifestyle-artigen Bildkonstruktion. Der Poet entwickelt sich im Lauf der Videonarration von einem feinsinnigen Menschen zu einem Individuum, das den Hass auf sich selbst in einen Hass gegen das Andere verkehrt. "Agressionen," sagt Susanne Schuda, "Agressionen gegen eigene ungeliebte Eigenschaften sind nicht aufzulösen, weil man sich selbst als Objekt des Haßes nicht los wird. Die Theorie, dass dieser ständige Nachschub an Haß dann auf andere gerichtet wird ist der Ausgangspunkt dieser Arbeit."

Ausdehnung

Irgendwie scheint man die (Sprach-)Bilder, die sich entlang der Gedankenwelt des Poeten entwickeln, zu kennen. Es könnten Bilder aus Modejournalen und Reisemagazinen sein, es könnten sich aber genauso gut um Bilder aus Krisengebieten irgendwo in der Welt handeln, die im Video und in der Installation einen neuen Kontext finden und den Imaginationsprozess des Protagonisten vorantreiben. Die Künstlerin spielt mit dem kollektiven Unterbewussten, das sie durch erzählerische Elemente in einem medialen Raum visualisiert. Mehr noch, sie unterstreicht dieses Unterbewusste durch ganz bewusste Überinszenierung, Ausdehnung und Überspitzung. Im Fall von Letztendlich bin ich Poet, und zumeist bekomme ich was ich will. erzeugt sie mittels ihrer digitalen Formensprache eine düstere Atmosphäre, die die Stimmung unserer Zeit auf schizophrene Weise widerspiegelt und gleichzeitig über Zukünftiges und Vergangenes imaginieren lässt. Ursula Maria Probst, die Kuratorin der k/haus-Passage schreibt in ihrem Konzept zur Ausstellung: "Die Figuren entspringen dem Alltäglichen, dem Drang einer natürlichen Angst sich entgegenzustellen, um uns auf einen imaginären Streifzug mitzunehmen". Hätte man die Installation mit einem Musikstück zu vergleichen, so wäre dies der Track Ahab von Rechenzentrums John-Peel-Session.

Politik

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Untertitel der Arbeit Eine österreichische Videoinstallation lautet. Susanne Schuda habe nach 2000 längere Zeit die österreichische Politik verneint, sich also gegen die Affirmation, gegen das Engagement und für ein Nein, eine Null entschieden. Jetzt reagiert sie wieder auf die pollitischen Entwicklungen und kommentiert mit ihren mehrdimensionalen Erzählungen das (mediale) Zeitgeschehen : "Als ich mich mit dem Ganzen wieder auseinandergesetzt habe, hat das zu ziemlichen Erregungszuständen geführt. Interessant ist aber vor allem, dass diese Wahrnehmungen dann schnell wieder vergehen. Ich bin Österreicherin, nach einem kurzen Anfall der Erschütterung denk ich mir dann auch wieder, ja so ist das hier, kenn ich schon, nächstes Thema bitte ..." Brutal österreichisch! (fair, derStandard.at, 01.12.2008)