Im Justizministerium fand dieser Tage eine internationale Fachtagung statt: "Wozu heute noch justizielle Verfolgung von NS-Tätern?" Einen Beitrag dazu lieferte ein deutscher Geschäftsmann, Jahrgang 1940, der sich seit Jahrzehnten mit unglaublicher Akribie und Hartnäckigkeit dem Thema "Kriegsverbrechen der Wehrmacht auf dem Balkan" widmet (Hermann Frank Meyer: "Blutiges Edelweiß. Die 1. Gebirgsdivision im Zweiten Weltkrieg", Berlin 2008, 800 Seiten, Ch. Links Verlag).

Die "Edelweiß"-Division war eine Eliteeinheit. Sie bestand zu etwa 40 Prozent aus Österreichern.

Es waren ganz normale junge Männer aus Bayern und Österreich in der 12. Kompanie des 98. Regiments der "Edelweiß"-Division, die am 16. August 1943 loszogen, um das griechische Dorf Kommeno im Epirus-Gebirge in Westgriechenland auszulöschen. Am Vortag waren griechische Partisanen in der Taverna (!) gesichtet worden. Der Wiener Otto Goldmann sagte aus: "Ein Offizier gab den Befehl, dass alle niedergemacht werden müssten."

Tatsächlich wurden mehrere hundert Dorfbewohner, von Greisen bis zu Babys, niedergemetzelt, zum Teil lebendig in den Häusern verbrannt. Der damalige Obergefreite Karl Defregger: "Es gab keine Gegenwehr. Es wurde nicht ein Schuss auf uns abgefeuert." Mehrere sagten aus, es sei zu unbeschreiblichen Gräueltaten gekommen. Manche weigerten sich, nach dem Massaker gab es heftige Diskussionen. "Alle hatten Gewissenskonflikte", so der Landwirt August Seitner aus Bad Ischl, "schließlich haben wir uns alle auf den Standpunkt zurückgezogen, dass wir ja nur befehlsgemäß gehandelt haben."

Getötet wurden 317 Zivilisten. In den Meldungen an die Heeresgruppe E in Arsakli bei Saloniki war von "150 Feindtoten" die Rede. So trug es auch der damalige Oberleutnant im Generalstab, Kurt Waldheim, ins Kriegstagebuch ein.

Es war nicht das erste und nicht das letzte Massaker der "Edelweiß"-Division. Und sie war keine Ausnahme. "Ich habe drei ganz normale Wehrmachtsdivisionen untersucht", sagt Hermann Frank Meyer im Gespräch. "Ich sehe keinen Unterschied zur SS oder den Einsatzgruppen."

Meyers ursprüngliches Motiv war der Wunsch, das genaue Schicksal seines Vaters zu erforschen, der in die Hände griechischer Partisanen fiel. Es gelang: Meyer hat mit dem Mörder seines Vaters gesprochen. Zwangsläufig wurde er dabei immer dichter mit den Verbrechen der Wehrmacht konfrontiert, die nach kriegsverbrecherischen "Sühnebefehlen" operierte. Der Divisionskommandeur wurde 1947 in Nürnberg zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. Den direkten Tätern geschah nichts. Gegen einige läuft in München noch ein Ermittlungsverfahren wegen der Ermordung mehrerer tausend italienischer Soldaten auf der griechischen Insel Kephalonia nach dem Kriegsaustritt Italiens. Erst vor einigen Jahren wurde die "Edelweiß"-Division aus der Traditionspflege der Bundeswehr genommen.

Brutalisierung durch den Krieg, Verhetzung durch das Regime und Vorgesetzte. Darauf stieß Meyer bei seinen Gesprächen ("Wie Grasmähen war das Töten, sagten sie. Sie wollten nicht gemordet haben"). Eine wirkliche Erklärung ist das nicht, nur die Bestätigung dessen, was möglich war (und ist). (Hans Rauscher/DER STANDARD Printausgabe, 2. Dezember 2008)