Bild nicht mehr verfügbar.

Politiker, die Europa befürworten, weichen neuen, die skeptischer sind: Kommt Ersatz?

Foto: APA/Schneider

Wien - "Heute ist ein ganz besonderer Abend, der weit über eine Buchpräsentation hinausgeht" , sagt Ursula Plassnik. Denn, so spricht sie ihren Vorvorvorgänger Alois Mock in der ersten Reihe direkt an: "Eine Botschaft haben wir. Die Saat ist aufgegangen, die du für Österreich und Europa gesät hast."

Montagabend, Marmorsaal im "Ministerium für europäische und internationale Angelegenheiten" , früher schlicht Außenministerium. Die scheidende Hausherrin hat zur Vorstellung der ersten umfassenden Biografie über den "Mister Europa" Mock geladen. Jenen Mann also, der Österreich ab Mitte der 80er-Jahre gegen den anfänglichen Widerstand der SPÖentschlossen in die EU geführt hat; der mit SP-Kanzler Franz Vranitzky jenen Europa-Kurs geprägt hat, der die volle Integration des Landes in die Union als zentral ansah. Ist Österreich also tatsächlich dieses selbstbewusste, überzeugte Kernland der Union, das die Außenministerin unter Applaus ansprach?

Wenn man genau hinhörte, kamen einem Zweifel, nicht nur, weil Plassnik just am Abend vor der Angelobung der neuen Bundesregierung, der sie wegen der Differenzen um die EU-Politik nicht mehr angehört, vor allem die "glorreiche" Vergangenheit ansprach; weil ihr Nachfolger Michael Spindelegger und Neo-VP-Chef Josef Pröll nicht einmal gekommen waren. In ihre flammenden Worten über die großen Momente, die Weichenstellungen, die Mock erfuhr, mit den Umbrüchen 1989, dem EU-Beitritt 1995, schien sich Wehmut einzuschleichen.

Fall der Staatsgrenzen, Euro-Einführung, EU-Erweiterung nach Osteuropa, jüngste Balkan-Integrationspolitik der Union - das alles war gestern. Aber wie geht es EU-politisch weiter mit der neuen Regierung, im Konflikt SPÖ/ÖVP? Für Altkanzler Wolfgang Schüssel stand in seiner Rede fest, dass es "ohne Ideen, ohne Werte in der der Politik nicht geht" . Mock habe immer Linie gehabt und gehalten.

Dann steht Edith Mock auf, seit 45 Jahren mit ihrem von schwerer Krankheit gezeichneten Mann verheiratet, und sagt: "Jetzt hätte der Alois sicher etwas gesagt, aber man wird ihn leider nicht verstehen." An seiner Stelle spricht sie, lobt Plassniks "aufrechten Gang" und ergänzt, sinngemäß für deren EU-Linie: Diesem aufrechten Gang werde "in der Geschichte ein größerer Platz eingeräumt werden" .

Tosender Applaus, aber auch ein weiteres Stichwort für das, was sich in der österreichischen Innenpolitik schleichend manifestiert: Die Zeit der prononcierten Innen- und EU-Politiker, die wie einst Mock über die Grenzen hinausschauen, scheint vorläufig vorbei.

In allen Parteien - nicht nur bei der Europa-Partei ÖVP - sind die nach-Europa-gewandten Persönlichkeiten weg oder im Rückzug. Bei der Hommage an Mock wurden sie aufgezählt: Busek, Franz Fischler, Staatssekretär Winkler, bald in Pension, Schüssel, Plassnik, Bartenstein, Ferrero-Waldner u. a. Bei der SPÖ: der EU-begeisterte Alfred Gusenbauer weg, Ex-Ministerin Maria Berger wieder auf dem Weg nach Brüssel. Wo ist Ersatz?

Bei der Opposition ist es nicht anders: Der EU-freundliche Alexander Van der Bellen ist weg, der EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber kämpft um sein Mandat. Neo-Grünen-Chefin Eva Glawischnig fällt durch Skepsis auf. Von FPÖ und BZÖ gar nicht zu reden.

"Man muss sich schon Sorgen machen" , resümiert im Außenamt ein Diplomat die Lage. (Thomas Mayer, DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2008)