Marx hat nicht nur in der KPÖ-Parteizentrale wieder Saison.

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Seit über einem Jahr wird im NIG am Institut für Politikwissenschaft abends über das "Kapital" diskutiert.

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"Ich sag es gleich: ich hab wieder einmal einiges nicht verstanden", stellt der Politikwissenschaft-Student Marco Juen klar. Sein Verhältnis zu Marx' Hauptwerk "Das Kapital" ist ein Schwieriges, wegen der vielen Formeln, die für einen Politikwissenschaftler eher unbekanntes Terrain darstellen. Trotzdem beschäftigt sich Marco Juen schon über ein Jahr mit den dicken Wälzern von Marx. Jede Woche diskutiert er mit seinen KollegInnen auf der Uni über Sinn und Unsinn des Kapitalkreislaufs – im "Kapitallesekreis". derStandard.at war bei einem Leseabend dabei.

Auch heute sitzen wieder einige Studierende – vorwiegend männlich – auf Sofas und Sesseln des Kommunikationszentrums am Institut für Politikwissenschaft beisammen. Auf den ersten Blick erkennt man nicht, warum sie spätabends, wenn das Uni-Gebäude bereits ausgestorben ist, hier sind. Die buntgemischte Runde hat sich in einer Ecke des mit Ordnern vollgepferchten Raums niedergelassen. Vom Informatik-Studenten bis zur Uni-Absolventin – auch Interessierte von außerhalb haben sich am Institut für Politikwissenschaften eingefunden.

Vor ihnen liegen aufgeschlagen die Bücher mit blauem Umschlag. Manche sind nagelneu, andere abgenützt und voll mit dichtbeschriebenen Notizzetteln. Seite 68, bis hierhin haben die meisten zuhause vorgelesen. Jetzt wird der Inhalt noch einmal durchbesprochen, denn schließlich ist die Materie nicht ganz einfach. Die Atmosphäre ist konzentriert, Marx ist kein Vergnügen.

Geld wird zu Ware wird zu Geld

"G wird zu W wird zu G Strich." Was sich nach einer mathematischen Formel anhört, beschreibt das, was die Welt bewegt: Geld. Florian Ruttner erklärt seinen KollegInnen versiert, was genau im Kapital-Kreislauf passiert: "Geld wird zu Ware und anschließend nach dem Verkauf wieder zu Geld. G Strich bedeutet, dass das Geld anschließend einen Mehrwert hat."

Das war aber nur der Anfang. Die nächsten eineinhalb Stunden wird über Produktionsprozesse, Märkte und die Ware Arbeitskraft diskutiert. Einige Studierende halten sich zurück und hören nur zu. Die komplexen Inhalte und Formeln, die auf fast jeder Seite auftauchen, stellen auch für die angehenden Politikwissenschaftler eine Herausforderung dar. "Nach dem ersten Teil des Kapitals glaubt man irrtümlich, dass man weiß, worum es geht. Zum Teil muss man die Bücher aber zwei, drei Mal lesen, um sie zu verstehen", erzählt Florian Kleedorfer.

Eine Geduld, die nur ein kleiner Teil aufbringt. Von anfangs 30 Studierenden sind mittlerweile nur mehr eine Handvoll Interessierte über – immerhin ist man aber auch schon beim zweiten der drei Bände der Marxschen "Kritik der politischen Ökonomie" angelangt. Neuzugänge sind jedoch immer erwünscht.

"Nette Beschäftigung"

Das Argument, dass das "Kapital" zu kompliziert geschrieben sei und deshalb nichts taugt, lassen die Studierenden nicht gelten: "Es braucht ein gewisses Abstraktionsniveau, um diese Prozesse erklären zu können." Die Gründe, warum sich die Studierenden nun schon über ein Jahr mit den Büchern von Marx beschäftigen, sind vielfältig. Für den einen ist es nur eine "nette Beschäftigung", für andere steht die "aufklärerische Intention" im Vordergrund. Für Marco Juen ist die Lektüre eine Überwindung, die sich lohnt: "Auch ein Politikwissenschaftsstudent sollte sich in ökonomischen Dingen auskennen. Es ist auf jeden Fall eine wichtige Grundlage, um vieles andere verstehen und Kritik üben zu können."

"Erklärung für die Wirtschaftskrise"

In der Diskussion wird auch immer wieder Bezug auf die aktuelle Lage der Wirtschaft genommen. "Es ist erstaunlich, dass es im Jahr 2008 unter den Wirtschaftswissenschaftern keine konsistente Geldtheorie gibt. Und das geben sie auch offen zu. Sie sagen: das kann man nicht erklären", sagt eine ältere Frau, die nicht mehr studiert, aber ihre Kenntnisse über das "Kapital" wieder auffrischen will. Florian Ruttner meint, dass die marxschen Ideen in diesem Zusammenhang vielfach falsch verstanden worden sind: "Marx wurde ja zeitweise als falscher oder richtiger Prophet bezeichnet. Doch Marx ist kein Prophet, er hat nie Überlegungen über die Zukunft angestellt. Er hat nur erklärt, was ist."

Die Studierenden sind überzeugt, dass das Werk nach wie vor seine Berechtigung hat. "Das Buch gibt es zwar schon seit fast 150 Jahren, im Kern treffen die Inhalte aber immer noch zu. Auch wenn es nach einer theoretischen Weiterentwicklung schreit", meint eine Studentin und fügt hinzu: "Die einzige Erklärung für die Wirtschaftskrise liefert dieses Buch. Das ist meine feste Überzeugung."

"Kein kritischer Geist"

Die Wirtschaftskrise mag auch eine Erklärung dafür sein, dass es derzeit ein Revival der Marx'schen Ideen oder zumindest der Figur "Marx" gibt. Schließlich schnellen die Verkaufszahlen des Originals wieder in die Höhe, in Japan erschien im Dezember die "Kritik der politischen Ökonomie" als Manga und Marx's bischöflicher Namensvetter, Reinhard Marx, hat seine eigene Version des "Kapitals" auf den Markt gebracht. Warum gehört das "Kapital" dann dennoch nicht mehr zur Standard-Literatur unter den Studierenden? "Es hat keiner Interesse daran, dass Studierende das System hinterfragen. Die Uni fördert schon lange nicht mehr den kritischen Geist", glauben die Marx-Leser. Für sie selbst hat die Lektüre einen Wert: "Auch auf die Gefahr hin, dass man von anderen belächelt wird, aber man kann wirklich sehr viel von Marx lernen." (Teresa Eder/derStandard.at, 10.12.2008)