Emmerich Gärtner-Horvath im Einsatz: Mit seinem RomBus ist er in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland unterwegs, um die Menschen über Kultur, Musik, Geschichte und Sprache der Roma zu informieren

Foto: Roma Service

Gemeinsam mit Kollegen hält er regelmäßg Sprachkurse in Romanes ab: 2009 sind drei pro Woche geplant

Foto: Roma Service

Vier Ortschaften im Burgenland haben Gedenktafeln für die Roma und Sinti aufgestellt, die im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden

Foto: Roma Service

"Am Anfang war ich skeptisch: Bedienen wir damit nicht wieder das Klischee von den fahrenden und campenden Roma? Inzwischen sehe ich das anders: Wir bringen die Kultur der Roma direkt zu den Menschen", sagt Emmerich Gärtner-Horvath, Obmann des Roma-Service. Der "RomBus" rollt bereits seit Mai 2004 durch Wien, Niederösterreich und das Burgenland und bringt Literatur, Musik und vor allem die Sprache Romanes regelmäßig in 32 Ortschaften.

"Es war notwendig, die Roma über Oberwart hinaus zu frequentieren", erklärt der Rom. Er führt durch den RomBus und zeigt seine Schätze her: Seltene Bücher, CDs und DVDs, die er an Interessierte verleiht. "Bislang ist nur eine CD zerbrochen", lobt er seine Klientel. Zahlreiche Bücher sind nicht mehr im Handel erhältlich, wie zum Beispiel einige "Zigeunermärchen". Der RomBus erreicht jedoch nicht nur die Roma. "Wir machen viele Workshops und sind laufend an Schulen involviert. Es macht Freude, mit jungen Menschen zusammen zu arbeiten", sagt Gärtner-Horvath. Auch über die Grenzen hinaus gibt es Kooperationen mit anderen Roma-Organisationen. Der RomBus wird von der Landesregierung, dem Bundeskanzleramt und durch Spenden finanziert. Damit können fast alle Kosten abgedeckt werden, doch die gestiegenen Benzinkosten machen sich auch im RomBus-Budget bemerkbar.

"Kam mir fast lächerlich vor"

Während der Fahrten mit dem RomBus und durch die Begegnungen, die sich dabei ergeben haben, habe er beobachtet, dass viele Roma auf Identitätssuche sind: "Die Sprache ist ein großer Teil dessen, was Identität anbelangt und gehört dazu." Für den Unterricht musste zunächst Lehrmaterial erarbeitet werden. "Du kannst ja nicht einmal deine eigene Sprache schreiben", erzählt Gärtner-Horvath von den Reaktionen der Kinder, als er erstmals versuchte, Romanes zu unterrichten. "Da kam ich mir fast lächerlich vor", erinnert er sich.

Das war im Jahr 1991. Erst seit 1993 wird die Kodifizierung und Didaktisierung der sprachlichen Varianten der österreichischen Roma durch ein Projekt des Spracheninstituts der Karl-Franzens-Universität in Graz aufgearbeitet. Im September 1995 erschien das erste Buch in Romanes, eine Alphabetfibel. Danach folgten Theaterstücke wie "Die Schwarze Kaiserin/ kali tschasarkija", das auf einem alten Zigeunermärchen basiert und es erschienen einige zweisprachige Märchenbücher. Erst im Jahr 1996 wurde Romanes in Österreich als Minderheitensprache anerkannt.

Sprache verloren

Der Arbeitstag beginnt für Gärtner-Horvath meistens um sieben Uhr im ersten Stock seines Hauses, wo er sein Büro eingerichtet hat. Ein durchschnittlicher Arbeitstag dauert oft bis 21 Uhr, wenn es Veranstaltungen gibt, kann es auch Mitternacht werden. Eine zentrale Tätigkeit des RomBus ist der Unterricht in Romanes - für alle Generationen und unabhängig von der Herkunft. "Es geht darum, die Sprache auch in der Schrift zu erlernen. Und einigen Roma wurde leider die Sprache durch Eltern und Großeltern nicht mehr weiter gegeben", sagt Gärtner-Horvath. Die Gründe dafür sind vielfältig, oft gab es Bedenken, dass die Kinder deshalb beschimpft würden. "Aber man ist draufgekommen, dass Vorurteile dadurch nicht verhindert werden", fügt Gärtner-Horvath hinzu.

"Leider mussten vier Roma sterben"

Der Rom spricht gerne von der - seiner Meinung nach - steigenden guten Stimmung. Nach dem Attentat in Oberwart am vierten Februar 1995, bei dem vier Roma durch eine Rohrbombe getötet wurden, seien etliche Österreicher, aber auch international die Menschen auf die Situation aufmerksam geworden. "Leider mussten vier Roma sterben, damit sich die Situation langsam verbessert", sagt Gärtner-Horvath.

Ein starkes Anliegen des RomBus-Projekts ist es, die systematische Vernichtung der Roma während des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten. Seit 2006 wird daher ein Interviewprojekt mit Zeitzeugen und der Nachkriegsgeneration betrieben: 18 Interviews wurden gemacht und erscheinen im kommenden Jahr: Pro Person wird es eine Broschüre und eine DVD geben. Zwei der befragten Zeitzeugen sind bereits verstorben. Emmerich Gärtner-Horvath ist froh, dass er die Geschichten der Menschen noch aufzeichenen konnte, aber "es tut schon auch weh. Ich habe die Lebensgeschichte von Menschen kennengelernt, die als Kinder in die KZs gekommen. Das hat auch mich gekennzeichnet."

Ein Zeitzeuge kam mit elf Jahren in das Anhalte- und Arbeitslager Lackenbach im Burgenland. Seine Mutter wurde verschleppt und der Vater in Auschwitz ermordet und verbrannt. Gemeinsam besuchten sie das Grab des Vaters in Langenthal. "Ich hab gedacht, dein Vater ist ermordet worden?", fragte Gärtner-Horvath. "Ja, aber ich habe etwas machen müssen. Wo soll ich denn meine Kerzen hinstellen?", antwortete der Holocaust-Überlebende. Diese Frage wurde zum Titel des Projekt, Gedenktafeln im Burgenland aufzustellen. Vier Enthüllungen gab es seit 2006. Auf die Frage, wie das mit den Gedenktafeln funktioniert, meint Emmerich Gärtner-Horvath spontan: "Schwierig." Man muss mit den jeweiligen Bürgermeistern Gespräche suchen, eventuell kommt es dann zu einem Gemeinderatsbeschluss. In Kemeten ist dieser Beschluss jedoch negativ ausgefallen. "Eine Begründung für die Ablehnung bekamen wir nicht: Das war eine geheime Abstimmung", sagt Gärtner-Horvath.

Gärtner-Horvath glaubt zwar nicht, dass die Chancengleichheit in Österreich schon erreicht ist, aber "man spürt, dass sie immer näher kommt". Den Weg zur Bildung müsse man sich zwar weiterhin erkämpfen, aber das gelte auch für Nicht-Roma, meint er: "Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder studieren kann, wenn man die finanziellen Mittel nicht hat."

Nur noch Deutsch im Gasthaus

Gärtner-Horvath macht sich auch für die schriftliche Fixierung der Sprache stark, da er befürchtet, dass es zum Sprachtod kommen könnte: "Ich habe beobachtet, wie sich die Situation im Burgenland verändert hat. Unsere Roma sind drei- oder viersprachig aufgewachsen." Heute höre man im Gasthaus aber nur noch Deutsch. Er führt das auf den Verlust der älteren Generation zurück, dass die gesprochene Sprache keine Selbstverständlichkeit mehr ist: "Nach dem Holocaust ist großteils nur noch die jüngere Generation zurückgekehrt. In der Kultur der Roma waren aber immer Märchen und Erzählungen sehr wichtig. Doch es fehlen die Erzähler. Im gesamten Burgenland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch zwei." (Julia Schilly, derStandard.at, 9. Dezember 2008)