Ottawa/New York - Kanadas Premierminister Stephen Harper kann vorerst weiterregieren. Er teilte nach einem Treffen mit Generalgouverneurin Michaelle Jean am Donnerstag in Ottawa mit, diese werde die Sitzungen des Parlaments bis zum 26. Jänner aussetzen lassen. Damit muss sich Harper einem für Montag geplanten Misstrauensvotum nicht stellen. Bis Ende Jänner will Harper ein Programm zur Stimulierung der Wirtschaft vorlegen.

Knapp zwei Monate nach seiner Wahl als Chef einer Minderheitsregierung kämpft Harper um sein politisches Überleben. Eine Koalition aus Liberalen, Linken und dem Bloc Québecois will den konservativen Regierungschef ablösen und Stéphane Dion, den Chef der Liberalen Partei, zum Premierminister wählen. Die Opposition wirft Harper vor allem Versagen im Umgang mit der Finanzkrise vor.

Nach dem zweistündigen Treffen mit Jean, der Stellvertreterin von Königin Elizabeth II. in Kanada, erklärte Harper, diese habe seinen Ratschlag angenommen, das Parlament vorerst nicht tagen zu lassen. "Die Kanadier wollen, dass die kanadische Regierung weiter an ihren Prioritäten arbeitet", sagte Harper. In einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede an die Nation hatte er am Mittwochabend (Ortszeit) erklärt: "Wir werden alle legalen Mittel ausschöpfen, um unsere Demokratie, unsere Wirtschaft und Kanada zu schützen".

Die Entscheidung zur Schließung des Parlaments sei eine Chance für alle Parteien, sagte Harper am Donnerstag. Sie sollten sich auf die Wirtschaft konzentrieren und zusammenarbeiten. Durch eine Aussetzung der Parlamentssitzungen bis zum 26. Jänner könnte Finanzminister Jim Flaherty am darauffolgenden Tag den Haushalt mitsamt einem von der Opposition eingeforderten Konjunkturpaket vorstellen - und so den Regierungskritikern den Wind aus den Segeln nehmen.

Dion hatte nach Harpers Ansprache erklärt, der Premierminister habe das Vertrauen der Parlamentsmehrheit verloren und damit kein Recht mehr, weiter zu regieren. Harper sagte dagegen, die Opposition plane den Regierungswechsel ohne Wahlen und damit ohne die Zustimmung der Bürger. Harpers Kritik galt vor allem dem Vorhaben der Liberalen und der Linken, sich mit dem Bloc Québecois zu verbünden, der sich für die Unabhängigkeit des französischen Teils Kanadas vom Rest des Landes einsetzt. "Die kanadische Regierung darf keine Koalition mit einer separatistischen Partei eingehen", sagte der Regierungschef.

In der kanadischen Bevölkerung gibt es für keines der rivalisierenden Lager eine klare Mehrheit. Einer aktuellen Umfrage zufolge sprechen sich 64 Prozent der Kanadier gegen eine Machtübernahme durch die Opposition aus. 53 Prozent der Befragten lehnen jedoch auch die Wirtschaftspolitik der aktuellen Regierung ab.

Aus Sorge um den drohenden Sturz seiner Minderheitsregierung hatte Kanadas Premierminister Harper am Donnerstag eine zeitweise Suspendierung des Parlaments beantragt. Die drei Oppositionsparteien im kanadischen Unterhaus hatten die Generalgouverneurin zuvor dazu aufgerufen, das Anliegen des konservativen Premiers abzulehnen.

Die Liberalen, die sozialdemokratische NDP und die Separatisten vom Bloc Québécois wollten Harper möglichst schon an diesem Montag über ein Misstrauensvotum zu Fall bringen und seine Regierung dann durch eine linke Koalition ablösen. Die Konservativen waren erst im Oktober als stärkste Kraft aus vorgezogenen Parlamentswahlen hervorgegangen, ohne allerdings eine absolute Mehrheit zu erhalten. (APA/dpa/AP)