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Cambridge - Noam Chomsky, im Hauptberuf Sprachwissenschafter am renommierten Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) in Cambridge und im Nebenberuf "wichtigster Intellektueller der Welt", feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag.

1928 in Philadelphia als Sohn eines jüdischen Gelehrten geboren, studierte Chomsky Philosophie und Linguistik an der Universität von Pennsylvania. Nach weiteren Studien bei Harvard ging er 1961 an das MIT in Cambridge bei Boston. Seine Theorien waren so revolutionär, dass sie weltweit Aufmerksamkeit erregten. Laut Chomsky wird zum Beispiel jeder Mensch mit einer gewissen Sprachfähigkeit geboren. Das hieße, dass Sprache mehr vorgegeben als vom kulturellen Umfeld geprägt wird. Für die Sprachwissenschaft kam die umstrittene Theorie einer "kopernikanischen Wende" gleich. Sie machte Chomsky zu einem der bedeutendsten Forscher des 20. Jahrhunderts.

Politische Haltung

Politisch schwang sich der "wichtigste Intellektuelle der Gegenwart", wie ihn die "New York Times" einmal titulierte, zum Vordenker unter anderem der Anti-Globalisierungsbewegung auf. Nach dem 11. September 2001 reagierte Chomsky so wie viele andere Kritiker der amerikanischen Außenpolitik: Seiner Auslegung nach waren die Terroranschläge auf New York und Washington eine unvermeidliche Antwort der Dritten Welt auf die Ausbeutung und Unterdrückung durch die USA.

Aus Chomskys Sicht ringt Washington seit Jahrzehnten hemmungslos um die uneingeschränkte Weltherrschaft. Der von US-Präsident George W. Bush so oft benutzte Begriff "Schurkenstaat" treffe weniger auf den Iran und Nordkorea zu als auf die USA selbst, sagt er. Dass der mächtigste Staat der Welt vor nichts zurückschrecke, um seine Dominanz zu festigen, habe er zuletzt im Irak gezeigt.

Publizistischer Output

Mehr als 70 Bücher hat Chomsky geschrieben, dazu weit über 1000 Artikel. Auf Deutsch erschienen zuletzt der Band "Der gescheiterte Staat" (2006) und "Interventionen" (2008). Chomskys politisch-publizistisches Ouevre kann nun in der Anthologie "Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen" nach- und quergelesen werden. Auf 462 Seiten wurden Vorträge, Analysen und Essays aus der Zeit zwischen 1966 und 2006 vereint. Auf Deutsch ist der Sammelband im Münchner Antje-Kunstmann-Verlag erschienen.

Chomsky stellt dabei die Intellektuellen selbst an den Pranger, vor allem ihre nicht selten zur Schau gestellte Distanzlosigkeit zu Ideologie und Macht sowie den Exponenten der jeweiligen politischen Klasse. Besonders hart geht er aber mit der Politik an sich ins Gericht, konkret mit der Außenwirkung der USA. Sie ist für Chomsky symptomatisch für die "Verkümmerung der amerikanischen Demokratie". Die ganze Welt werde dabei zwangsläufig in die Schranken gewiesen.

"Kriminelle" Außenpolitik

Chomsky zieht Bilanz und verteilt dabei äußerst harte Zensuren: Unter Berufung auf die verheerenden Anschläge auf das World-Trade-Center und andere Ziele habe die Bush-Administration erst ihre imperialen Gelüste so richtig ausleben können. Doch sei auch vorher nicht immer alles eitel Wonne und politisch korrekt gewesen, analysiert er dann und kommt zum drastischen Schluss: Die US-Außenpolitik nach 1945 könne in vieler Hinsicht als kriminell eingestuft werden. Wenn es den Vereinigten Staaten nützlich war, wurden auch grausame Diktaturen unterstützt, die Menschenrechte rückten dann in den Hintergrund.

Die USA hätten durchaus Möglichkeiten gehabt, durch soziale und wirtschaftliche Initiativen kommunistische Systeme (früher) sowie islamistische Staaten (heute) und Gesellschaften zu untergraben. Doch versuchte Amerika stets unter Hinweis auf oder Anwendung überlegene(r) Waffenpotenziale ihre Interessen durchzusetzen. Internationale Vereinbarungen waren dabei oft das Papier nicht mehr wert, auf denen sie unterzeichnet worden waren. (APA/red)