Sihem Bensedrine glaubt an ihren Kampf um Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte.

Foto: Schmidt

Wenn Sihem Bensedrine von den entwürdigenden Dingen, die man ihrem Körper und ihrer Seele in den letzten 17 Jahren angetan hat erzählt, wirkt sie unglaublich stark, niemals aggressiv oder bitter. Die 58-Jährige glaubt an ihren Kampf um Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte und denkt nicht daran, ihn aufzugeben. "Die Machthaber verwirrt es, dass ich keine Islamistin bin. Sie wissen nicht, was sie mit mir machen sollen", erzählt sie.

Die Chefredakteurin der in Tunesien verbotenen Internetzeitung Kalima ("Wort") lebte sieben Jahre lang in Frankreich, wo sie zur promovierten Philosophin wurde, bevor sie in ihre Heimat Tunesien zurückkehrte. Seit 1991, Bensedrines Kinder waren damals 14, neun und drei Jahre alt, werden sie und ihr Mann und Mitkämpfer, Omar Mestiri, regelmäßig von staatlicher Gewalt verfolgt. Dabei waren Schläge sowie eine Haft, nachdem sie über Korruption und Folter in Tunesien international publizierte, nicht das Schlimmste für sie.

"Sie haben mich einige Monate lang ins Gefängnis gesperrt", erzählt Bensedrine in einem Kaffeehaus in Graz, wo sie seit einem Jahr in relativer Sicherheit als "writer in exile" lebt. "Aber das Schlimmste war, als sie mein Zuhause jahrelang in ein Gefängnis verwandelten". Von 1994 bis 2000 verweigerte man ihr einen Reisepass, damit sie das Land nicht verlassen konnte. Gleichzeitig nahm man ihrem Mann den Job und damit jede Lebensgrundlage. Man stellte sie unter Überwachung, jahrelang. Bis zu 25 Beamte in Zivil standen Tag und Nacht vor ihrer Haustür.

Gefängnis durch Isolation

"Wenn Freunde auf Besuch kamen, nahmen die Beamten manchmal ihre Personalien auf, manchmal nahmen sie die Leute auch mit aufs Wachzimmer", erinnert sie sich, "bald kamen keine Freunde mehr".

Als Bensedrine und Mestiri im März dieses Jahres ihr trotz allem geliebtes Heimatland besuchten, wurden sie im Hafen von La Goulette von etwa 30 Beamten "erwartet". Man nahm ihnen - ohne richterliche Befugnis - nicht nur ihre Notizbücher, Kalender, Laptops und Handys weg, man misshandelte das Ehepaar auch. Beide wurden zu Boden geworfen, geschlagen, Bensedrine wurde das Handgelenk, in dem sie ihr Handy hielt, um einen Anwalt zu kontaktieren, verdreht. Die Kulturvermittlung Steiermark verlängerte die Einladung für die schreibende Menschenrechtsaktivistin bis Ende Juli 2009 in Kooperation mit der Kulturabteilung des Landes Steiermark. Was danach kommt, ist ungewiss. Ein Jahr lang lebte Bensedrine bereits in der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.

Bensedrine ist bestürzt über das nur touristische Bild, das Europäer von Tunesien haben. Die Europäer würden in ihrer Heimat, die seit einem Putsch 1987 von Zine El Abidine Ben Ali regiert wird, "kein Land, kein Volk, keine Geschichte, nur einen schönen Strand" sehen. Empörend findet sie aber auch, dass das französische Staatsoberhaupt Nicolas Sarkozy Tunesien in die Mittelmeerunion aufnahm, "ohne das Thema der Menschenrechte in irgendeinem Papier auch nur zu erwähnen". Damit verleugne Frankreich seine Rolle bei deren Entstehung. "Das ist ein trauriges Zeichen für den Weg, den Europa einschlägt", so Bensedrine.

(Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print, 6./7.12.2008)