"Arbeitnehmer." "Die arbeitenden Menschen." "Der arbeitende Teil der Bevölkerung." Was haben wir da? Hier haben wir Redeversatzstücke aus der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Werner Faymann, bzw. seines neuen Gesundheitsministers Alois Stöger. Ja, und? Es geht um eine semantische Ausdrucksweise und um eine Mentalität. Der neue Bundeskanzler sprach in seiner Regierungserklärung von "Arbeitnehmern". Zum Beispiel, im Zusammenhang mit der Finanzkrise: "Kein Arbeitnehmer dieses Landes hat Schuld an der Krise der Finanzmärkte."

Hat auch niemand behauptet - wenn man jetzt einmal davon absieht, dass angestellte, wenn auch mit Bonusregelungen versehene Finanzheinis sicher auch "Arbeitnehmer" sind. Aber Faymann sprach auch in größeren Zusammenhang immer wieder von "Arbeitnehmern" - so als ob sie die einzigen Einwohner der österreichischen Arbeitswelt wären.

Anzunehmen ist, dass Faymann den zwei Millionen Pensionisten irgendwie einen Sonderstatus zugesteht. Die Arbeitswelt, in Österreich und anderswo, besteht aber in zunehmendem Maße nicht nur aus Beschäftigten in (staatsnahen) Großbetrieben und Bediensteten des Bundes und der Gemeinden, sondern mehr und mehr aus Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig, selbstständig tätig sind (sein müssen).

Es gibt nach der offiziellen Statistik rund 30.000 sogenannte "Neue Selbstständige" (in Wahrheit vermutlich viel mehr). Die sogenannten EPUs (Einpersonenunternehmen) beziffern sich auf etwa 150.000 Personen (Das sind übrigens rund 50 Prozent aller bei der Wirtschaftskammer Österreich registrierten Unternehmen). (Klein-)Unternehmer, die zwischen null und fünf Personen beschäftigen, kommen auf eine Zahl von rund 250.000.

Diese Kleinfirmenbetreiber sind im engeren Sinn keine "Arbeitnehmer". Sie sind sogar "Arbeitgeber" - entweder ihrer selbst, im Wege der Selbstausbeutung, oder sie sind Unternehmer mit ein paar Beschäftigten.

Es wäre gut gewesen, wären sie in der Regierungserklärung des neuen Bundeskanzlers auch nennenswert vorgekommen.

Hiermit kommen wir zum "arbeitenden Teil der Bevölkerung" (so der neue Gesundheitsminister Alois Stöger, vormals Chef der oberösterreichischen Krankenkasse). Er meint, dass nur der "arbeitende Teil der Bevölkerung Beiträge zur Sozialversicherung" leistet. Hat der neue Minister schon etwas vom "Arbeitgeberanteil" gehört?

Um fair zu sein: Stöger meinte, nicht nur die Arbeit müsste mit Sozialversicherungsabgaben belastet werden, sondern auch die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung. Das muss zunächst Bund, Länder und Gemeinden freuen, denn die müssten dann auf ihre Sozialwohnungsvermietungen Beiträge zahlen (beziehungsweise auf die Mieter überwälzen).

Oder glaubt Minister Stöger an die Existenz zehntausender privater Hausherren in diesem Land, die nur Mieten kassieren und sonst nichts arbeiten? Wenn ja, dann ist sein Gesellschaftsbild etwa hundert Jahre alt. (Hans Rauscher/DER STANDARD Printausgabe, 6./7./8. Dezember 2008)