Die Nikolauskathedrale im dritten Wiener Gemeindebezirk, deren Renovierung jüngst abgeschlossen wurde, gilt als eine der prächtigsten russisch-orthodoxen Kirchen außerhalb Russlands. Der überraschend verstorbene Moskauer Patriarch Alexi II. hätte sie bei seinem Besuch kurz vor Weihnachten neu einweihen sollen.

Das Ereignis hätte doppelte Symbolkraft besessen: als Ausdruck des Wiedererstarkens der russischen Orthodoxie wie auch der jüngsten Entspannung in deren Verhältnis zur katholischen Kirche. Beide Entwicklungen sind allerdings mit Vorbehalten zu sehen. Nach den finsteren Jahren des Kommunismus versteht sich die russische Orthodoxie wie zu Zarenzeiten als Staatskirche, mehr noch: als Hüterin der russischen Kultur, der russischen Einzigartigkeit. Alexi hat dieses Selbstverständnis geradezu personifiziert - und in Wladimir Putin einen Unterstützer und Seelenverwandten auf weltlicher Ebene gefunden.

Ein solches Selbstverständnis kann mit den aktuellen Herausforderungen aber kaum fertigwerden. Einigeln ist keine adäquate Antwort auf die Globalisierung. Innerhalb der Orthodoxie scheint man das auch nach und nach zu erkennen. In der Frage der Menschenrechte zeichnet sich ein vorsichtiges Umdenken ab, hin zu einer stärkeren Berücksichtigung des Individuums, das bisher der Gemeinschaft untergeordnet wurde. Paradoxerweise trifft dies auf gegenläufige Tendenzen im Vatikan, und Benedikt XVI. sieht in der Orthodoxie mit ihrer Betonung der Gemeinschaft immer mehr einen Verbündeten bei einer „Rechristianisierung" Europas. Dies aber kann der Orthodoxie die Auseinandersetzung mit der Welt von heute nicht ersparen.  (DER STANDARD, Printausgabe, 6./7./8.12.2008)