Gibt es einen Fortschritt auf der Klimakonferenz in Poznan im vergleich zur Konferenz von Bali im Dezember 2007? "Der Klimaschutz hat gewonnen", jubelte mein geschätzter Greenpeace-Kollege Bernhard Obermayer an dieser Stelle vor einem Jahr über den Ausgang der Klimaschutzverhandlungen auf der Konferenz in Bali 2007: In der Tat war die Klimakonferenz dort ein Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen globalen Klimaschutzabkommen. Die großen Nationen dieser Welt inklusive der USA haben sich in Bali darauf geeinigt, den globalen CO2-Ausstoß bis 2050 zu halbieren und damit die Empfehlungen des UNO-Weltklimarates IPCC anerkannt.

2007 war ein gutes Jahr für den Klimaschutz - das Thema stand ganz oben auf der politischen Agenda. Die EU beschloss Anfang 2007 ein ehrgeiziges Klimapaket und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel winkte der Welt im roten Anorak demonstrativ aus der Arktis zu, um zu zeigen, dass Deutschland und Europa im Klimaschutz bis an die äußerste Grenze des Möglichen gehen würden. Doch das war gestern. Das war vor der Finanzkrise, vor den Teuerungswellen bei Lebensmitteln und Energiepreisen und vor der großen Angst vor einer weltweiten Rezession und massiven Arbeitsplatzverlusten. Doch nun herrscht unter Europas Klimapolitikern Katerstimmung.

Vom "Klimaschutz in der Krise" spricht nun auch der STANDARD. Und in der Tat haben die EU-Staaten im vergangenen Monat gewaltige Abstriche von Ihrem eigenen Führungsanspruch im internationalen Klimaschutz gemacht: Industriebetriebe wie die VOEST sollen europaweit das Klima nun wieder gratis verschmutzen dürfen, die CO2-Reduktionsziele in der EU werden von 30 Prozent auf 20 Prozent nach unten korrigiert und die PKW in der EU werden nach den jüngsten Beschlüssen in Brüssel erst 2015 Sprit sparend fahren, statt bereits 2012. Auch die deutsche Kanzlerin Merkel spricht nur mehr selten vom Klimaschutz - dafür umso mehr von den Arbeitsplätzen bei Daimler, Opel und Co.

Diese Schockreaktion der EU-Politik auf die Finanzkrise ist verständlich, aber falsch. In Zeiten der Krise sucht die Politik Sicherheit im Altbewährten. Das Hemd scheint näher als der Rock, doch ohne Rock gibt es angesichts des drohenden harten Klimawinters im 21. Jahrhundert auch kein Überleben! In Zeiten der Krise sinkt die Innovations- und Risikobereitschaft. Doch mit ihrem Rückzug vom Klimaschutz angesichts der Finanzkrise macht die Politik genau das Verkehrte. Denn die Preise für Gas und Strom steigen trotz Finanzkrise unvermindert weiter (in Wien um 20 Prozent), der Ölpreis wird nach dem Zwischentief der vergangenen Monate bald wieder in die Höhe gehen und die Menschen werden auch in Zukunft nicht mehr so viele großspurige Spritfresser kaufen wie zuletzt. Wer jetzt also bei Energiesparmaßnahmen, Effizienzzielen und beim Ausbau der grünen Energien auf die Pause-Taste drückt, der schadet der Bevölkerung und der Wirtschaft. Denn nur Unternehmen, die sich den neuen Herausforderungen in Sachen Klima- und Energiepreisen stellen, werden langfristig erfolgreich sein. Energiesparen ist gut für das Klima und den eigenen Geldbeutel. Wer weniger für Heizung und Benzin ausgeben muss, der hat mehr Geld für Weihnachtsgeschenke.

Barack Obama und die USA haben erkannt, dass Klimaschutz und die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht nur vereinbar sind, sondern zwei Seiten der Medaille in der heutigen Zeit sind. Der neue Präsident hat bereits angekündigt, den CO2-Ausstoß der USA bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren. Obama will Amerika vor der Klimakatastrophe schützen und gleichzeitig vor steigenden Ölpreisen bewahren. Dafür will er fünf Millionen grüne Arbeitsplätze schaffen und grüne Technologien "Made in USA" in die ganze Welt exportieren. Klug von der europäischen Klima- und Wirtschaftspolitik wäre es jetzt, statt einen Gang zurück, zwei Gänge nach vorn zu schalten, damit grüne Klimajobs auch hier entstehen und die Menschen in der EU vor steigenden Energiepreisen geschützt werden.

Der WWF setzt sich dafür ein, dass Europa seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz ganz vorne mit spielt. Wir dürfen jetzt die Chance nicht verspielen, gemeinsam mit den USA aufs Tempo zu drücken. Daher appellieren wir an die EU: Schluss mit der Zauderei - der Klimawandel wartet nicht auf uns - hier geht es um Entscheidungen von Bedeutung für die ganze Welt!