Wenn Wiener Vorstadt-Rednecks lautstark "Amen" singen, dann ist dieser Mann daran schuld: Kid Rock.

Foto: Robert Newald

Wien - Etwas mehr als bloße Anmaßung wäre schön gewesen. Immerhin tourt Kid Rock aktuell mit der Behauptung, er wäre der Rock 'n' Roll Jesus, durch die Welt. Also als Lichtgestalt, die - wie passend - im weißen Outfit auftritt und uns elenden Erdlingen ein wenig von den überirdischen Freuden der Sünde und der Verwerflichkeit predigt. Doch dem rockigen Messias gelang damit nicht einmal ein kleiner Tabubruch. Schade irgendwie. Nicht einmal die Kirche lässt sich durch so etwas noch provozieren. Unter all den falschen Weihnachtsmännern fällt auch ein falscher Jesus im Advent auch nicht weiter auf. Außerdem: Die Kirche hält ja wacker dagegen: Ihre singenden Mönche sind ebenfalls Superstars - auf ihre Art.

Kid Rock, der am Wochenende zwei Auftritte in Österreich absolvierte - einen in der Wiener Stadthalle am Freitag, einen am Sonntag in Schladming - erwies sich immerhin als perfekter Entertainer, der auf der Klaviatur seines Images alle Stückeln spielt.

Der als Robert James Ritchie im US-Bundesstaat Michigan geborene Rockstar spielt seit seinem Auftauchen im Business den prolligen Rebellen. Diese Rolle steht dem auf der Seite ohne Butter geborenen Musiker nicht nur gut, sie kommt vor allem im reaktionären Kernland der USA bestens an. Dass er sich bei seinem Auftauchen in den 1990ern zusätzlich modischer Trends wie dem Crossover von Rap und Metal bediente, schadete dabei ebenso wenig wie die Einbringung von Country Music. Und zwar mit Texten, deren Inspirationsquelle mit dem Schritt des Künstlers deckungsgleich ist.

So kamen die rund 6000 Besucher der Stadthalle in den Genuss eines "relationship-and-break-up-songs", in dem der feinsinnige Refrain "I'd like to fuck you one more time" den Trennungsschmerz des Kid versinnbildlichte. Seine kurze Ehe mit der bekannten Oberweiten-Actrice Pamela Anderson (Baywatch ...) war da quasi nur noch die Kür.

Zu derlei, nun ja, Ergüssen trug das Kid einen breiten Cowboyhut, spielte selbst die Klampfe und gönnte seiner zehnköpfigen Band eine kurze Verschnaufpause. Zum Fremdschämen. Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden, dass sich Kid Rock in der darauffolgenden Nummer von einer Frau auf selbem Niveau Konter geben ließ. Gejohle unter den Damen im Publikum. Ja, wir sind alle eine große Familie. Und für derlei Blödheiten lieben ihn seine Fans, die sich mittels T-Shirt-Sprüchen mit ihrem Jesus solidarisch zeigen: "You never met a motherfucker quite like me". Willkommen in der Kirche von Kid Rock.

Neben diesem Humor, den man teilen kann oder auch nicht, ließ sich der 37-Jährige nicht wirklich etwas zuschulden kommen. Wie eingangs versprochen, kreuzte er mit seiner Revue ziemlich scharf durch Rock, Blues, Country, Honky Tonk, Rap, Rhythm 'n' Blues und Gospel. Gospel! Wobei es so eine Art perfider Höhepunkt war, einen Saal voller "Motherfucker", Vorstadt-Rednecks und selbsternannter "Hellraiser" zu einem vielstimmigen "Amen" zu verführen.

American Bad Ass

Früh kamen Hits wie All Summer Long, das bald ins Original, in Sweet Home Alabama überführt wurde. Kid Rock, dieser "American Bad Ass", wie er sich selbst nennt, erwies sich als launiger Unterhalter, der mit einer souveränen Band ein ebenso souveränes Programm bot. Dass sich darin nicht alle Weltanschauungen mit den eigenen deckten - ja mein Gott, ist halt so. Vor allem ist das ja alles ein großer Zirkus, den hoffentlich niemand ganz ernst nimmt.

Musikalisch muss sich Kid Rock mit dieser Tourband jedenfalls nicht verstecken. Es sei denn, jemand befände ZZ Top, AC/DC, die Beastie Boys oder Ähnliches als grundsätzlich schlecht. Gut, ein Saxofonsolo und ein paar Humortiefflieger weniger wären auch okay gewesen, aber was soll's. Wie meinte er selbst: "Been there, fuck that." Ein Mann, ein Wort. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 08.12.2008)