504.000 ZuseherInnen zählte die ORF-Casting-Show Starmania vergangene Woche. Fast fünf Mal weniger - 115.000 - sahen die Volksgruppensendung Heimat, fremde Heimat. Dem ORF ist das zu wenig - Heimat, fremde Heimat soll deshalb gekürzt werden. Bisher wird die Sendung jeden Sonntag eine halbe Stunde lang ausgestrahlt.

Nun wird befürchtet, dass Heimat, fremde Heimat auf eine halbe Stunde pro Monat reduziert wird. "Da sieht man, wie stark der ORF schon auf Quoten konditioniert ist. Ein Minderheitenprogramm kann aber nicht der Mehrheitsmessung untergeordnet werden", kritisiert Wolfgang Zinggl von den Grünen im Gespräch mit derStandard.at.

Zinggl und auch Hikmet Kayahan, Mitinitiator der Kampagne "gegen das schleichende Abdrehen von Heimat, fremde Heimat", sind skeptisch, ob das Verfahren, das die Quoten misst, MigrantInnen auch entsprechend berücksichtigt: Das Teletest-Panel bestehe aus 1.540 "österreichischen Haushalten", informiert der ORF. "Viele Menschen, die zur Zielgruppe gehören, werden bei dieser Quote überhaupt nicht berücksichtigt", sagt Kayahan. Der ORF war bis Dato für keine Stellungnahme erreichbar.

Gesetzlicher Auftrag

Darüber hinaus hat der ORF nicht nur ein Quotenziel, sondern auch einen gesetzlichen Programmauftrag zu erfüllen. So hat er etwa für "umfassende Information der Allgemeinheit über alle wichtigen politischen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Fragen" zu sorgen. Programme müssen in angemessenen Anteilen in den Volksgruppensprachen erstellt werden. "Diesen Gesetzesauftrag erfüllt der ORF nicht. Ich verstehe nicht, warum der ORF die Vielfalt nicht fördert, sondern verhindert", kritisiert Zinggl.

Heimat, fremde Heimat sei eine der wenigen Sendungen, die Inhalte aus dem Leben der Menschen mit Migrationshintergrund zeigt, sagt Kayahan. Die Sendung sei ein verbindendes Element zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Minderheiten. "Wird Heimat, fremde Heimat von zwei auf eine halbe Stunde pro Monat gekürzt, wird die Sichtbarkeit der Minderheit noch geringer", so Kayahan. Auch für die redaktionelle Arbeit des ORF allgemein sei Heimat, fremde Heimat unverzichtbar. Dies sei das einzige Instrument, in dem sich der ORF bemüht, JournalistInnen mit Migrationshintergrund zu fördern, sagt Philipp Sonderegger von SOS Mitmensch.

Mitten im Achten

Von Wrabetz fordert Sonderegger "mehr Mut". Zwar sei es verständlich, dass nach der missglückten Programmreform mit ihrem gefloppten Herzstück "Mitten im Achten" Angst herrscht. Dennoch dürfe der ORF seinen gesetzlichen Auftrag nicht vergessen. Zinggl von den Grünen fragt sich, was aus dem fürs letzte Frühjahr angekündigten ORF-Schwerpunkt zum Thema Migration wurde - und stellt in den Raum, dass die ORF-Führung vor dem Hintergrund des letzten Nationalratswahl-Ergebnisses nun vor einem allzu liberal anmutenden Programm zurückschreckt.

ÖVP: "Integrationspolitisch bedenklich"

Dem Vernehmen nach soll in diesen Tagen der Stiftungsrat tagen und über die Zukunft von Heimat, fremde Heimat beraten. Über 1.800 Protestmails sind laut Sonderegger mittlerweile bei Generaldirektor Alexander Wrabetz eingelangt. Schützenhilfe kommt auch von der ÖVP: Dass die Sendung dem Sparstift zum Opfer fallen könnte, sei "auch integrationspolitisch bedenklich", sagte Isabella Leeb, Stadträtin der ÖVP.

Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender an das Thema Migration auch unverkrampft herangehen kann, zeigt der Westdeutsche Rundfunk (WDR). Seit 2003 gibt es dort einen Integrationsbeauftragten. Gualtiero Zamboninis Aufgabe ist es etwa, JournalistInnen mit Migrationshintergrund für den WDR zu gewinnen, zu fördern und im Programm neue Initiativen zu setzen.

"Wir zeigen Menschen mit Migrationsgeschichte auch in den Mainstreamsendungen. Und zwar nicht als Dönerverkäufer oder Taxifahrer, sondern etwa auch als Kommissar, der ermittelt", sagt Stefanie Schneck vom WDR im Gespräch mit derStandard.at. Ob es dann überhaupt notwendig sei, eine Sendung anzubieten, die sich, so wie Heimat, Fremde Heimat, in erster Linie mit Migrationsthemen beschäftigt? "Selbstverständlich. Das ist unsere Fachredaktion, die auch von anderen Redaktionen in speziellen Fragen hinzugezogen wird", sagt sie über das Integrationsmagazin Cosmo-TV.

Cosmo-TV wird übrigens jeden Sonntag eine halbe Stunde lang ausgestrahlt, Thema ist das Zusammenleben zwischen Zugewanderten und Deutschen, das "ohne politisch korrekten Zuckerguss" dargestellt werden soll. (burg, der Standard.at, 9. Dezember 2008)