Wien - Wenn man weiß, wo Grigorij Sokolov außer bei den Salzburger Festspielen zwischen Essen, Gstaad, London und Mailand in dieser Saison überall seine Klavierabende abliefert, staunt man allein über das Energiepotenzial des Endsechzigers. Auch wenn sein Name nicht so geläufig ist wie jene so mancher Tastentiger, so hat er doch magnetische Wirkung. Man hat den Großen Saal selten noch so voll gesehen. Sogar das Podium war dicht besetzt.

Im mystischen Halbdunkel verpasste Sokolov seinen Bewunderern diesmal eine Klassik-Intensivkur: zweimal Mozart und zweimal Beethoven, vom Ersterem die beiden F-Dur- Sonaten (K 189e und K 300k) und von Beethoven die Sonate in A-Dur op. 2/2 aus dem Jahr 1795 und die "Sonata quasi una fantasia", mit der Beethoven nicht nur die sogenannte "Mondscheinsonate" bezeichnet hat, sondern auch die Es-Dur-Sonate op. 27/1. Wer, was bei einem Pianisten dieser Bauweise naheliegen würde, expressive, sogar explosive Interpretationen erwartet hat, ist allerdings enttäuscht worden. Dieser martialisch wirkende Koloss flüsterte geradezu Mozarts Noten in die Tasten. Seine perfekte Technik erlaubt es, auch ganz geringfügige emotionelle Impulse in dynamischen Nuancierungen Ausdruck zu verleihen, ohne dass die bei Interpretationen üblichen Parameter jemals überschritten wurden.

Freilich versteht es Sokolov meisterhaft, das Klavier um beinah orchestrale Klangfarben zu erweitern. So wirkte etwa der 2. Satz in Beethovens A-Dur-Sonate wie die Klaviertranskription einer unbekannten Symphonie. Doch auch hier enthielt sich Sokolov aller rhythmischen und dynamischen Impulsdurchbrüche. So wurde man staunender Zeuge, wie er die Klassik in einem Vakuum der Zeitlosigkeit vor allen Anfechtungen des Spontanen zu schützen trachtete. Jubel. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.12.2008)