Bei einer Expedition mit der "Alexander von Humboldt" wurden Wasserproben vor der "Skelettküste" genommen.

F.: Leibniz-Inst. für Ostseeforschung

Bremen - Namibias Küstenlinie ist einer der unheimlichsten dieser Erde, unwirtlich und gefährlich. Seeleute tauften sie "Skelettküste", in Gedenken an die zahlreichen Schiffe, die hier zusammen mit ihren Besatzungen ihr Ende fanden. Und auch unter der Wasseroberfläche geht der Tod um. Immer wieder kommt es zu mysteriösen Fischsterben, ausnahmsweise ohne Zutun des Menschen.

Eigentlich ist der relativ flache Kontinentalschelf vor der namibischen Küste das produktivste Meeresgebiet weltweit. Der kühle Benguelastrom, der in diesem Bereich aus dem Bathypelagial des Atlantiks aufsteigt, spült große Mengen Nährstoffe aus der Tiefsee an die Oberfläche, dort, wo Licht ist und einzellige Algen diesen Segen für massenhaftes Wachstum nutzen. Das Meereswasser wimmelt infolgedessen vor Leben. Nur Fische sind nicht so reichlich vorhanden.

In den vergangenen Jahren konnten Wissenschafter die Ursachen der hohen Fischsterblichkeit zum Teil erklären. Die extrem hohe Phytoplankton-Produktion, so hat sich herausgestellt, führt eben auch zu einem Absinken von abgestorbenen Einzelleralgen auf den Meeresgrund. Deren Verwesung führt u. a. zur Freisetzung von giftigem Sulfid aus dem Sediment. Als Gas - chemisch H2S - verbreitet die Substanz den allseits bekannten "Faule Eier-Gestank". Hohe Sulfid-Konzentrationen können praktisch alles Leben im Wasser auslöschen. Dazu kommt die von den Zersetzungsprozessen bewirkte Sauerstoffzehrung. In bestimmten Tiefenareale ist das Meer vor Namibia sauerstoffarm (PNAS, Bd. 102, S. 6478). Nun hat ein Forscherteam unter Leitung des Biologen Marcel Kuypers vom Max Planck Institut für Marine Mikrobiologe in Bremen mehr Einblick in den Stoffwechsel des Benguelastrom-Systems gewonnen und darüber in eine Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift "Nature" berichtet. Während eine Expedition mit dem Forschungsschiff "Alexander von Humboldt" nahmen die Experten an mehreren Stellen vor der Küste Wasserproben aus verschiedenen Tiefen. Sie untersuchten deren Zusammensetzung sowie die enthaltenen Bakterien, und machten eine verblüffende Entdeckung: Offensichtlich wurden gerade zum Zeitpunkt ihrer Anwesenheit enorme Mengen Sulfid vom Boden freigesetzt, doch das Gift stieg nicht nach oben. Es verschwand in den unteren Wasserschichten. Des Rätsels Lösung: Eine Wolke aus Bakterien aus zwei Proteobacteria-Gruppen hatte sich wie ein Schutzschild über die sulfidverseuchte Wasserschicht gelegt. Die Mikroben wandelten das Gift unter Einsatz von reichlich vorhandenem Nitrat zu harmlosen Schwefelpartikeln um. An der Wasseroberfläche war dieser Prozess nicht wahrnehmbar. Die Forscher vermuten nun, dass "Sulfid-Events" viel öfters eintreten, als angenommen.

Der Ausnahmezustand stellt nicht für alle Tiere ein Problem dar. "Es waren viele Vögel, Delfine und Pilotwale unterwegs", sagt Marcel Kuypers. "Wir sahen sogar Pinguine." Sie fraßen Fische, die aus der Tiefe vor dem Sulfid an die Oberfläche geflohen waren. Des einen Not, des anderen Brot. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 12. 2008)