Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg

Es war gestern. Da wollte M. dann noch etwas zur Geschichte mit den überpünktlichen Reservierungskellnern bei seinem Maturatreffen hinzufügen. Aber weil die Sache nicht wirklich in Zusammenhang mit der Entfernung der nicht exakt zum Reservierungszeitpunkt besetzten Tische gestanden hatte, meinte M., sei ihm dieses Detail wohl entfallen.

Außerdem, sagte er, sei das Phänomen wohl nicht auf „sein" Maturatreffen-Lokal beschränkt. Denn dass Kellner sich weigern, bei größeren Gruppen aus einer großen Rechnung mehrere kleine zu machen, meinte M., habe er auch anderswo schon erlebt - und nie wirklich verstanden.

Strategie

Schließlich, meinte M., wäre eine Einzelrechnung trinkgeldstrategisch nicht sehr schlau. Er jedenfalls gehöre zu jenen Menschen, die beim Trinkgeldgeben bei kleineren oder mittleren Beträgen in der Regel zum nächsthöheren Fünfer- beziehungsweise Zehnerbetrag aufrunde. Nach Gefühl. Und meist begänne er erst ab etwa 40 oder 50 Euro tatsächlich Zehnprozentbeträge zu berechnen: Normalerweise, meinte M., steige der Kellner da besser aus, als wenn er tatsächlich Prozente ausrechnen würde.

Darum würden schlaue Wirte ja auch ich Personal bei der Gestaltung der Preise mitreden lassen: Ein guter Kellner habe es im Gefühl, welche Posten statistisch wie oft und wie kombiniert würden - da, meinte M., bekäme man über die Jahre auch ein Gefühl dafür, wie man Endziffern und Beträge so hinbekäme, dass sich da aus der moralischen Verpflichtung des zufriedenen Gastes ein Trinkgeldmaximum holen lässt.

Belohnungsverzicht

Daher, erklärte M., wundere er sich schon darüber, wieso so viele - in seiner Wahrnehmung, meinte M., sogar immer mehr - Lokale auf diese Form der Kellnerbelohnung verzichten würden: Er gehe nämlich davon aus - und seine eigene kleine Privatempirie, so M., stütze seine These - dass er nicht der einzige Gast ist, bei dem die Trinkgeldbemessung erst ab einer gewissen Höhe der Zeche der Zehn-Prozent-Regel folge werde. Davor aber werde einfach aufgerundet. Und dabei läge man eher über denn unter der ominösen Prozentschwelle.

Dennoch aber verweigern immer mehr Lokale das Splitten von Rechnungen, glaubt M. Weil es mühsam sei, die einzelnen Posten den einzelnen Gästen zurück zuzuordnen. Und da, sagt M., sei er ja dann auch wieder ganz beim Wirt: wie mühselig es sein kann, dann die einzelnen Posten wieder auseinander zu dividieren, erlebe er immer wieder. Nämlich dann, wenn man sich entschlösse, die Rechnung nicht einfach durch die Zahl der am Tisch sitzenden Personen zu teilen: das koste Zeit. Und Komfort.

Weiterrechnen

Und wenn dann, sagte M., endlich jeder seine Summe beisammen habe, sei man meist schon so im Rechnen drin, dass man beim Trinkgeld auch Genauigkeit walten lasse. Gar nicht einmal aus Boshaftigkeit oder Unzufriedenheit. Dann würden aus 102 eben meist tatsächlich 112 Euro- und nicht 115 oder 120: Schlau, meinte M., sei das also nicht.

Freilich gäbe es, räumte M. ein, da schon auch eines zu bedenken: Im Fall des Maturatreffenlokales der letzten Stadtgeschichte, hätte es in punkto Trinkgeld auch keinen Unterschied gemacht, wenn jeder aus seiner Runde jeden Drink separat bezahlt hätte. Obwohl: Jetzt, wo er gerade davon spräche, sagte M., schiene ihm die Idee, mühsames Personal durch Teilzahlungen ("ich zahle jetzt einmal das Bier der Dame links von mir und den Orangensaft ihrer Tochter. Über alles andere reden wir später") zurück zu quälen und in den Kleingeld-Wahnsinn zu treiben, als probate Verteidigungsvariante genervter Gäste. Aber darum, so M., gehe es in diesem Fall ja nicht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 11.Dezembe 2008)