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Rudolf Taschner: "Bildung kann man nicht testen."

Foto: APA/Artinger

"Ich sehe das sehr gelassen", sagt Rudolf Taschner über das österreischische Ergebnis beim Schüler-Test TIMSS. Dass man im Vergleich zu 1995 nur mehr mittelmäßig ist, hat weniger fachliche Gründe als soziale und strukturelle, meint er gegenüber derStandard.at. Über Singapur, das bei Mathematik den zweiten und bei Naturwissenschaft den ersten Platz erreicht hat, sagt er: "Die SchülerInnen dort werden gedrillt. Das wollen wir doch nicht." Was dem Mathematikunterricht noch fehlt und was er von Bildungsstudien hält, erzählte der "Mathe-Lehrer der Nation" Elisabeth Oberndorfer.

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derStandard.at: Österreich war 1995 bei TIMSS noch im Spitzenfeld, heute nur mehr Mittelmaß. Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Taschner: Nein, das hat mich nicht überrascht. Einfach deshalb, weil die Teststruktur, die bei diesen Bildungsstudien angewandt werden, bei uns noch keine Tradition hat. Das mittelmäßige Abschneiden hat damit zu tun, dass die Schulen sehr viele Herausforderungen auf sich nehmen müssen. Ich sehe das Ergebnis insgesamt sehr gelassen.

Der Lehrstoff ist ja gegeben, die Aufgaben beim Test sind ja nicht so schwer. Wenn die Kinder das nicht können, liegt das vor allem am Verständnis der Beispielangabe. Wenn ein Schüler die Aufgabe nicht versteht, dann ist das nicht ein mathematisches, sondern ein sprachliches Problem.

LehrerInnen nehmen mittlerweile eine Dreifachrolle ein: erstens habens sie eine intellektuelle Aufgabe, zweitens eine pädagogische und drittens eine soziale. Ich glaube, für manche Kinder ist die Schule schon zum Heim geworden, weil sie das eigentliche Heim gar nicht mehr als solches wahrnehmen. Die LehrerInnen werden immer mehr mit den privaten Problemen der Kinder konfrontiert.

derStandard.at: Für Sie hat die Verschlechterung also keine fachlichen, sondern strukturellen Gründe. Aber haben sich die Strukturen seit 1995 so drastisch geändert?

Taschner: 1995 haben viele Schulen bei TIMSS gar nicht mitgemacht, weil sie es nicht für so wichtig gehalten haben. Damals hatte man zu den Bildungsstudien noch eine ganz andere Einstellung. Ich glaube nicht, dass das Testergebnis von 1995 wirklich so valide ist wie das jetzige.

Natürlich hat sich auch die soziale Struktur gewandelt. Die Wirtschaft ist härter geworden, die Eltern haben immer weniger für ihre Kinder Zeit.

derStandard.at: In Österreich ist im EU-Vergleich auch der Unterschied zwischen Mädchen und Burschen sehr hoch. Brauchen wir einen gendersensiblen Mathe-Unterricht?

Taschner: Die Mädchen werden bei uns in ein Klischee hineingesteckt: "Das musst du nicht können, in anderen Fächern bist du dafür besser." Die Klischees werden oft von den Volksschullehrerinnen mitgetragen. Mathematik kennt ja kein Geschlecht. Aber natürlich kann man nicht leugnen, dass Mädchen und Burschen auch unterschiedliche Interessen haben. Ob wir einen gendersensiblen oder geschlechtsgetrennten Unterricht brauchen, ich weiß es nicht. Ich bin dafür, dass Schulen hier ihren Spielraum ausnutzen und herumexperimentieren.

derStandard.at: Die Klischees existieren jedoch in anderen Ländern auch...

Taschner: Nehmen Sie das Beispiel Singapur her: Dort werden die SchülerInnen gedrillt, dort wird totalitär unterrichtet. Die haben die Beispiele trainiert, deshalb haben sie so ausgezeichnet abgeschnitten.

Aber so eine Schule wollen wir ja nicht. Da soll Singapur bei solchen Tests ausgezeichnet abschneiden, und wenn die Kinder aus der Schule kommen, sind sie sozial geschädigt. Da ist mir lieber, dass unsere Kinder mittelmäßig abschneiden und dafür glücklich sind.

derStandard.at: In Österreich ist auch der Punkteunterschied zwischen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund auffallend hoch. Könnte das auch am fehlenden Textverständnis liegen?

Taschner: Für Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, ist es natürlich noch schwerer, die Aufgaben zu verstehen. Die LehrerInnen müssen schon in ihrer Ausbildung lernen, das Textverständnis der SchülerInnen zu trainieren.

Bei uns fehlt noch der Wille, Menschen aus anderen Ländern mit offenen Armen aufzunehmen. Man muss den Kindern das Gefühl vermitteln, dass alle die gleichen Chancen haben, egal woher sie kommen. Das Potenzial für eine offene Einstellung ist zwar schon da, aber es wird immer schlecht geredet.

derStandard.at: Die Bildungsministerin Claudia Schmied plant nun eine Expertengruppe zur Verbesserung der LehrerInnenausbildung. Welche Vorschläge haben Sie für sie?

Taschner: Die Zusammenarbeit zwischen den Pädagogischen Hochschulen und den Universitäten muss noch weiter forciert werden. Für Studierende der PH schlage ich vor, dass sie im zweiten Jahr an die Uni gehen, damit sie auch einmal sehen, wie es dort abläuft. Umgekehrt sollten Lehramtsstudierende auch die PH besuchen, damit sie den pädagogischen Hintergrund lernen.

derStandard.at: Sie sind als "Mathe-Lehrer der Nation" bekannt. Was wünschen Sie sich für den Mathematikunterricht?

Taschner: Man muss die Mathematik in der Schule in drei Teilen sehen. Der erste Teil ist das reine Rechnen Lernen. Der zweite Teil ist die Bildung um die Mathematik herum, also zum Beispiel die Geschichte hinter dem Pythagoras-Satz. Und der dritte Teil ist die Förderung von besonders Begabten oder Interessierten.

Der zweite Teil ist der, der bei uns zu kurz kommt. Es fehlt den SchülerInnen der Zusammenhang, deshalb ist Mathematik oft ein unbeliebtes Fach. Der dritte Teil, die Förderung, funktioniert bei uns schon gut. Wer wirklich begabt ist, der geht nicht unter. Es gibt bereits viele Förderprogramme.

derStandard.at: Was halten Sie denn generell von den Bildungsstudien?

Taschner: Diese Testitis ist mir zu viel. Tests sind gut, aber man kann es übertreiben. Wir sollten diese Studien nicht so oft durchführen. Außerdem bezweifle ich, dass man die Vergleiche international machen sollte. Wenn ich mir die Beispiele ansehe: Da wird mit Krampf versucht, dass ein Kind in Südafrika dasselbe leistet wie ein Kind aus Alaska und ein Kind aus Neuseeland. In den Schulen gibt es einen derart unterschiedlichen Zugang zu den Wissensgebieten, da ist es sinnlos, das weltweit anzupassen.

Bildung kann man nicht testen, Ausbildung schon. Unsere AbsolventInnen kommen international, so weit man das nachverfolgen kann, schon gut unter. Das heißt, unsere Schulen funktionieren schon ganz gut.

Natürlich ist der internationale Bildungsvergleich schon eine ganze Industrie. Da verdienen sich einige eine goldene Nase damit. Jedes zweite PISA sollte man einfach streichen. Aber wenn wir schlecht abschneiden und dann aussetzen, hat das eine schlechte Optik. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 12. Dezember 2008)