Schwestern, die sich finden: Kristin Scott Thomas (re.) und Elsa Zylberstein in "So viele Jahre liebe ich dich".

Foto: Polyfilm

Wien - Eine Frau sitzt wartend in einer Flughafenhalle, eine andere rennt hektisch durchs Gebäude. Die Parallelmontage wird mit einer Zusammenführung der beiden Charaktere enden: Juliette (Kristin Scott Thomas) hat fünfzehn Jahre im Gefängnis gesessen. Nun wird sie von ihrer kleinen Schwester Léa (Elsa Zylberstein) verspätet in Empfang genommen.

In der alten Villa, die die junge Universitätsprofessorin mit Mann, zwei kleinen Adoptivtöchtern und Schwiegervater bewohnt, soll auch Juliette eine Bleibe finden, bis sie ein geregeltes Einkommen hat und sich eine eigene Wohnung leisten kann.

Abgesehen von diesem pragmatischen Motiv soll die räumliche Nähe vor allem eine Basis dafür sein, dass die ungleichen Schwestern einander näherkommen. Nicht nur die lange Abwesenheit Juliettes hat sie voneinander entfremdet. Die Eltern haben als Reaktion auf Juliettes Tat viele Jahre das Ihre dazu beigetragen. Und auch in der neuen Umgebung schlägt ihr heftige Ablehnung entgegen, sobald sie den Grund für ihre Inhaftierung preisgibt.

Der französische Schriftsteller Philippe Claudel hat mit So viele Jahre liebe ich dich/ Il y a longtemps que je t'aime seinen ersten Kinospielfilm inszeniert. Das erklärt vielleicht manche Ungelenkheit, manche überdeutliche Betonung und den Hang zum runden Abschluss, dem Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen kann es insgesamt doch wenig anhaben.

Sukzessive falten diese ihre Figuren auf, modifizieren und vertiefen sie langsam: Elsa Zylberstein wird sich mit ihrer konzentrierten Darstellung der nur vermeintlich unbeschwerten Schwester mit dem perfekten Leben womöglich auch dem Publikum außerhalb Frankreichs empfehlen. Kristin Scott Thomas hat für ihre Verkörperung von Juliette gerade erst den europäischen Filmpreis als beste Darstellerin erhalten. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.12.2008)