Peter Kampits: "Zwischen einer Tyrannei des Staates und einer Tyrannei des Geldes scheint jede Gerechtigkeitsvorstellung zu verblassen."

Dass auf der Welt Gerechtigkeit herrsche ist eine Forderung und ein Wunsch, der, ungeachtet der jüngsten Ereignisse auf dem Bankensektor, keine Erfindung der Gegenwart darstellt. Das Verlangen nach einer gerechten Gesellschaft scheint seit der Frühzeit des Menschen eine Art Grundbegriff und Leitziel der Normen des Zusammenlebens.

Freilich ist diese Forderung auch schon früh ironisiert und relativiert worden. So hatte etwa der antike Skeptiker Karneades zwei einander entgegengesetzte Reden gehalten - eine für und eine gegen die Gerechtigkeit, und Blaise Pascal hatte ironisch die Grenzen der Gerechtigkeit durch einen Fluss markiert, da diesseits und jenseits des Rheins verschiedene Gerechtigkeitsvorstellungen herrschen. Goethe schließlich hat ebenso spöttisch die Gerechtigkeit als eine Eigenschaft und Phantom der Deutschen bezeichnet.

Passepartout-Begriff

Erinnert man sich an die Politikerforderungen anlässlich des letzten Wahlkampfes, wo Gerechtigkeit vom sozialen Bereich über die Ökonomie, das Gesundheitswesen und die Migrations- und Integrationsprobleme stets eingefordert wurde, so kommt der Verdacht auf, dass Gerechtigkeit zu einem Passepartout-Begriff geworden ist. Dieser wird zwar stets beifällig begrüßt, aber in seiner Bedeutung als einer Grundnorm sozialen Lebens kaum ernstgenommen.

Angesichts der jüngsten Finanzskandale, der Supergagen der Manager, der immer größer werdenden Zahl von Armen selbst in unseren westlichen Gesellschaften, während die Reichen immer reicher werden, des Siegeszuges einer reinen Marktideologie, ist die Rede von Gerechtigkeit in Gefahr, eine leere Formel zu bleiben. Das Beschwören von Gerechtigkeit ähnelt jenem Schicksal einer armen Verwandten in gutbürgerlichen Häusern, die bei festlichen Anlässen zu Tisch gebeten wird, sich sonst aber möglichst unauffällig zu verhalten hat.

Gleichheitsproblem

Dass auch Gerechtigkeit und Recht häufig auseinanderdriften, lässt sich im bekannten Sprichwort zusammenfassen: "Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand".

Auch wenn etwa Immanuel Kant das "fiat justitia, pereat mundus" so übersetzt hat: "Es herrsche Gerechtigkeit, die Schelme dieser Welt mögen auch insgesamt daran zugrunde gehen."

Und wem stellen sich denn nicht tatsächlich die Haare auf, wenn man aus der Statistik erfährt, dass der Vorstandschef eines der größten Multiunternehmen in den USA 1980 noch das 42fache eines Angestellten verdiente, sein Gehalt 2000 auf das 691fache angestiegen war, und heute wahrscheinlich noch ein viel Höheres beträgt.

Nun mag man natürlich einwenden, dass das Problem der Gleichheit und der Ungleichheit, mit dem jedes Nachdenken über Gerechtigkeit konfrontiert ist, von wohl keiner Gerechtigkeitstheorie befriedigend gelöst werden kann. Dies gilt vor allem für die Verteilungsgerechtigkeit, die im Bereich des Sozialen im Mittelpunkt steht. Gerechtigkeit kann sowohl als Garantie für Gleichheit, wie auch als Rechtfertigung von Ungleichheit ausgelegt werden.

Dies kommt auch in den verschiedenen Kurzformeln zum Ausdruck Gerechtigkeit bestünde darin, jedem das Seine, das heißt näherhin "jedem das gleiche" , "jedem nach seinen Bedürfnissen" oder "jedem nach seiner Leistung" zu geben.

Das Gleiche für alle läuft auf eine Utopie hinaus, in der gerade jene Andersartigkeit und Individualität verschwindet, die dem neuzeitlichen Denken zu recht so teuer geworden ist und in der die Anerkennung der Andersheit ausgelöscht würde.

Schwieriger wird es dann schon bei der Verteilung nach den jeweiligen Bedürfnissen, wobei wiederum die Schere zwischen Arm und Reich eine äußerst differenzierte und ausgewogene Theorie der Verteilung erforderte. Und hält man sich an das Leistungsprinzip, so ist nicht allein das Gespenst - oder die Realität eines schrankenlosen Marktliberalismus nahe.

Zwischen einer Tyrannei des Staates und einer Tyrannei des Geldes scheint jede Gerechtigkeitsvorstellung zu verblassen. Deshalb hat auch der kommunitaristische Gerechtigkeitstheoretiker Michael Walzer ein differenziertes Gleichheitsverständnis gefordert, sogenannte Sphären der Gerechtigkeit, da "Gleichheit wörtlich verstanden ein Ideal sei, das seinen Verrat vorprogrammiert habe."

Theorie und Praxis

Auch die Tauschgerechtigkeit, die auf Wechselseitigkeit setzt, und damit eine Kooperation unter Gleichen voraussetzte, stößt auf mannigfache Probleme, wie etwa der aus den Fugen zu geraten scheinende Generationenvertrag zeigt.

Ähnliches gilt auch für die wohl meistdiskutierte Gerechtigkeitstheorie der Gegenwart, für die von John Rawls. Hier wird die fiktive Konstruktion eines Urzustandes unter dem "Schleier der Unwissenheit" - keiner der über die Verteilung von Gütern aller Art gemeinschaftlich entscheidenden Personen weiß um seine künftige Position und soll darüber entscheiden, was sie für eine gerechte oder ungerechte Position in der Gesellschaft halten - zugrundegelegt. Neben dem Gleichheitsgrundsatz wird Ungleichheit wirtschaftlicher oder sozialer Art dadurch ausgeglichen, dass für die am wenigsten Begünstigten größtmögliche Vorteile angestrebt werden.

Über all diesen universalistischen Theorien sollte aber nicht vergessen werden, dass Gerechtigkeit auch eine Tugend darstellt, die das Handeln des Einzelnen betrifft, auch wenn dies in unserer hochkomplexen Lebenswelt gering erscheint.

Ohne diese Grundhaltung der Gerechtigkeit wird es keine auch nur einigermaßen gerechte Gesellschaft geben. Deshalb scheint es weitaus angebrachter, anstatt ständig Gerechtigkeit einzufordern, im jeweiligen Lebensbereich gerecht zu handeln zu versuchen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.12.2008)