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Die Polizei in Athen ist im Dauereinsatz.

Foto: AP

Athen - Rund 3.000 Jugendliche haben am Montag vor dem Polizeipräsidium in Athen demonstriert. Der Protest verlief weitgehend friedlich. Einige Demonstranten übergaben den Polizisten Blumen, andere trugen Transparente mit der Forderung "Entwaffnet die Polizei" oder "Sturz der Regierung", wie das Fernsehen berichtete. Einige Jugendliche warfen allerdings Eier, Mehl, Plastikflaschen und Steine auf die Beamten, die daraufhin Tränengas einsetzten und mindestens zwei Demonstranten festnahmen.

Schüler blockierten in mehreren Stadtteilen Athens wichtige Straßenkreuzungen. Vielerorts brach der Verkehr zusammen. Demonstranten besetzten zudem vorübergehend den staatlichen Radiosender der Insel Lesbos und sendeten Parolen gegen die Polizei. Auch im Nordwesten Griechenlands in Ioannina wurde eine Radiostation vorübergehend besetzt.

Demonstration vor Gericht

Etwa 50 Jugendliche demonstrierten am Montag auch vor einem Athener Gericht, wo fünf der insgesamt mehr als 200 Festgenommenen einem Untersuchungsrichter vorgeführt werden sollten. Die Bereitschaftspolizei sicherte das Gebäude, es sei nicht zu Auseinandersetzungen gekommen, teilten die Sicherheitskräfte mit.

Unterdessen gingen im Stadtzentrum Athens die Aufräumarbeiten weiter. Viele Geschäfte, die während der schweren Unruhen in der vergangenen Woche beschädigt worden waren, öffneten am Montag wieder. Auch ein neuer Weihnachtsbaum sollte im Zentrum aufgestellt werden, gab die Stadt Athen bekannt. Vor einer Woche hatten Randalierer den 20 Meter hohen Weihnachtsbaum am zentralen Syntagma Platz angezündet.

Die achte Nacht der Gewalt in Athen beginnt mit einer friedlichen Mahnwache auf dem Syntagma- Platz. Vor dem Parlament versammeln sich am Samstagabend rund 1000 Menschen. Sie ordnen Kerzen auf dem Pflaster zum Namen „Alex“ an – der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos ist nach den tödlichen Polizeikugeln vom 6. Dezember zur Symbolfigur der Aufstandsbewegung geworden.

Jetzt wollen sie so lange auf den Straßen bleiben, bis sie mit ihren Forderungen gehört werden – darunter ein Rücktritt der konservativen Regierung und eine neue Wirtschaftspolitik. „Als Anarchisten wollen wir soziale Bedingungen schaffen, die mehr Aufstände erzeugen und mehr Leute auf die Straße bringen“, sagt der 32-jährige Paris Kyriakides. Laut einer in der Zeitung Kathimerini veröffentlichten Umfrage stuft die Mehrzahl der Griechen die Proteste als „Volksaufstand“ ein. Sechs von zehn sagten demnach, es handle sich um ein „Massenphänomen“ und nicht nur um eine protestierende Minderheit. Der konservative Zeitungsverleger Giorgos Kyrtsos meint, die Proteste seien Ausdruck einer weit verbreiteten Unzufriedenheit. „Wir treten jetzt in eine lange Periode der Wirtschaftskrise ein“, sagt er.

„Aber es gibt auch eine sich vertiefende soziale Krise, in Verbindung mit einem schwachen Staat. Wir befinden uns wirklich an einem Kreuzweg.“ Scharf kritisiert er das Verhalten der Regierung angesichts der Unruhen. „Das ist die einzige Regierung, an die ich mich erinnern kann, die es geschafft hat, nicht nur die rebellische Jugend, sondern auch die ordnungsliebende Menge gegen sich aufzubringen. Sie hat niemandem etwas anzubieten.“ Nach zwei am Sonntag von den Zeitungen Proto Thema und Real News veröffentlichten Erhebungen liegt die regierende Partei Nea Dimokratia jetzt von Premier Kostas Karamanlis zwischen 4,8 und 5,6 Prozentpunkten hinter der oppositionellen Sozialisten.

Polizisten gegen Mahnwacher

In der Nacht auf Sonntag gehen gegen 1.00 Uhr früh Polizisten gegen die Mahnwache vor. Sie versuchen, die Menge vom Parlament abzudrängen.Anmehreren Stellen der Umgebung errichten hunderte Menschen Barrikaden und setzen sie in Brand. Die Polizei wird mit Steinen und Leuchtraketen angegriffen. Polizisten setzen Tränengas ein und verfolgen die Aufständischen durch die Straßen. Diese sammeln sich neu. Einige sind mit Motorrädern unterwegs und werfen Brandsätze. Ziele sind eine Polizeiwache im Stadtzentrum sowie mindestens drei Banken, mehrere Geschäfte und ein Behördengebäude.

Eine Gruppe von Randalierern dringt in die Technische Universität ein und greift von dort aus die Polizei mit Steinen und Leuchtraketen an. Der größte Teil der Proteste seit dem 6. Dezember verlief friedlich. Aber der Ton wird von den gewaltbereiten Rändern der Bewegung angegeben. Offenbar sind mehr junge Leute als früher bereit, sich diesem Rand anzuschließen. Seit Beginn der Proteste wurden mindestens 70 Menschen verletzt und mehr als 200 verhaftet. (AP, AFP/red/DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2008)