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Er wollte den Senatssitz von Barack Obama versteigern: Blagojevich.

Foto: AP Photo/Charles Rex Arbogast

Beobachter wundern sich, warum die Demokraten in der Affäre nicht souveräner agieren.

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Sie nennen ihn Bulldozer und Terrier und Rambo, genauer: Rahmbo. Rahm Emanuel wurde als Stabschef ins Team Barack Obamas geholt, um seinem Chef Zeit freizuschaufeln fürs gründliche Nachdenken. Er soll verhindern, dass sich der neue Präsident im Klein-klein des Alltagsbetriebs aufreibt. Für seine Effizienz ist er ebenso bekannt wie für seinen rauen Ton. Jetzt ist er der Blitzableiter im Korruptionsskandal um Rod Blagojevich, den Gouverneur von Illinois, der Obamas neu zu besetzenden Sitz im US-Senat versteigern wollte.
Wie die Chicago Tribune berichtet, hat Emanuel sehr wohl mit Blagojevich über das Mandat gesprochen - obwohl Obamas Mannschaft zunächst den Anschein erweckte, als habe sie weit über den Dingen gestanden. „Rahmbo" soll dem Gouverneur eine Liste akzeptabler Kandidaten präsentiert haben. Valerie Jarrett, eine langjährige Freundin der Familie Obama, stand angeblich an erster Stelle. Es folgten Tammy Duckworth, eine Kriegsveteranin, die im Irak beide Beine verlor, und Jan Schakowsky, eine Kongressabgeordnete.

Vage Äußerungen Obamas

Was daran anrüchig ist? Nichts, lautet der Tenor der US-Medien. Es sei doch normal, dass sich ein scheidender Senator dafür interessiere, wer sein Nachfolger wird - bis der Wähler zum nächsten Mal wählt, versteht sich. Die wenigsten verstehen denn auch, warum sich Obama bisher nur vage zu der Affäre äußert. Aus den Abhörprotokollen der Bundespolizei FBI, Mitschnitten der Telefonate Blagojevichs, geht hervor, dass seine Riege es ablehnte, mit dem korrupten Macho Geschäfte zu machen. Obama musste sich dafür von „Blago" übel beschimpfen lassen, etwa als „Motherfucker". Seine Favoritin Valerie Jarrett ist aus dem Rennen, weil sie als Beraterin ins Weiße Haus zieht. Nach dem heutigen Stand gibt es nichts, womit man Obama am Zeug flicken könnte.
Dennoch, der Skandal hinterlässt ein paar Fragezeichen. „Unser 44. Präsident versprach uns eine neue Ära der Verantwortlichkeit und Berechenbarkeit", schreibt Frank Rich in der New York Times und fügt hinzu: „Wollen wir hoffen, dass er es ernst meint."

„Er hätte es sagen können"

In den knapp sechs Wochen seit dem Votum wurde der Sieger gelobt, ja gefeiert für die ruhige, souveräne Art und Weise, mit der er sein Kabinett zimmerte. „No-Drama-Obama", wie er sich gern nennen lässt, holte nicht nur Rivalen wie Hillary Clinton ins Boot, sondern auch Republikaner wie George W. Bushs Verteidigungsminister Robert Gates. Warum nur, fragen Insider wie Pennsylvanias Gouverneur Ed Rendell, tut er sich so schwer mit einem Sturm im Wasserglas? „Er hätte sagen können: ‚Ich selber habe nicht mit Blagojevich geredet, aber meine Mitarbeiter haben es getan, an diesem Tag und an jenem.‘ Punkt. Ende der Story", sagt Rendell.
Die Chicago-Saga wird Obama kaum beschädigen, dazu ist die Aufbruchstimmung nach der Wahlnacht zu groß. Allerdings erinnert sie daran, in welchem Sumpf der Mann aus Hawaii seine Karriere begann. In der Millionenstadt am Michigansee, wo der Begriff „Maschinenpolitik" die Macht alter Seilschaften beschreibt, geht nichts ohne Händel. Auch Obama ließ sich von einem Protegé fördern, von Emil Jones, einem Parteipolitiker alter Schule.

Jones war zunächst demokratischer Fraktionschef, ab 2003 Präsident des Staatensenats von Illinois. Er brauchte den Absolventen der Eliteschmiede Harvard als Aushängeschild. Obama brauchte Jones, um die Kniffe des Parlamentsbetriebs zu erlernen. 1996 war er als Außenseiter - und Saubermann - in die Regionalkammer gewählt worden. Er hatte Amtsinhaberin Alice Palmer nachgewiesen, dass sie bei der Sammlung der Unterschriften gemogelt hatte.
(Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2008)