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"President-elect" Barack Obama auf der Suche nach einem passenden Christbaum am Sonntag in Chicago. Auch die Mehrheit der Republikaner findet, dass er sich in der Zeit bis zur Amtsübernahme richtig verhält.

Foto: AP/Herbert

"Dear Mr. President" , beginnt der Ökonom seinen offenen Brief. "Sie stehen vor einer doppelten Aufgabe: Belebung und Reform. Belebung nach der Rezession - und das Durchsetzen jener wirtschaftlichen und sozialen Reformen, die lange überfällig sind. Für Ersteres sind Tempo und schnelle Ergebnisse die Hauptsache. Das Zweite mag ebenfalls dringlich sein, aber Hast wird schaden. Die Weisheit langfristiger Vorsätze ist wichtiger als unmittelbare Resultate."

Der Brief könnte heute verfasst worden sein, so aktuell klingen die Worte des Wissenschafters. In Wahrheit schrieb ihn John Maynard Keynes 1933 an Franklin D. Roosevelt, den damals gerade gewählten US-Präsidenten. Im Zuge von Kreditkrise und Börsencrash wird Barack Obama mit keinem seiner Vorgänger öfter verglichen als mit FDR. Das Magazin Time bildete ihn neulich in Roosevelt-Pose auf der Titelseite ab, Zigarette im Mundwinkel, randlose Brille, die linke Hand lässig am Lenkrad eines offenen Wagens. Und genau wie der berühmte Altvordere kündigt auch Obama ein gewaltiges Konjunkturpaket an.

Die Zahlen, die in Washington kursieren, reichen von 400 Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Während es der kommende Staatschef tunlichst vermeidet, endgültige Ziffern zu nennen, hat er klargestellt, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Straßen, Brücken und Autobahnen, oft in bedauernswertem Zustand, sollen repariert oder neu gebaut werden. In öffentlichen Gebäuden will man veraltete Heizungen auswechseln, Schulen sollen neue Computer, Internetbenutzer bessere Breitbandverbindungen erhalten. Nur: Der Kongress, der das Paket absegnen muss, tritt am 6. Jänner zusammen. Obama übernimmt erst am 20. Jänner, zwölf Uhr, sein Amt. Eigentlich wäre es Bush, der die Konjunkturspritze verkünden müsste. Doch der ist aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Um in der Flaute kein Vakuum entstehen zu lassen, hat Obama das Ruder de facto selbst übernommen. An der Michigan Avenue in Chicago, dem Sitz seines Übergangsstabs, gibt er nahezu täglich eine Pressekonferenz. Das Pult, an dem er dann immer steht, ist geschmückt mit dem Adlerwappen und beschriftet mit dem Namen eines Amtes, das es streng genommen gar nicht gibt: "The Office of the President-elect" . 70 Prozent der US-Bürger, darunter auch eine Mehrheit von Republikanern, glauben, dass sich der gewählte 44. Präsident richtig verhält.

Sogar Michael Gerson, einst der Redenschreiber Bushs, widmet ihm eine Lobeshymne, gipfelnd in dem Satz: "Obama enttäuscht die Ideologen." Ein gewisses Grummeln ist eher aufseiten der Linken zu hören. "Das ist nicht ganz der Wechsel, wie wir ihn uns vorgestellt haben" , schreibt David Corn, Washingtoner Bürochef des Online-Magazins Mother Jones. "Man muss sich fragen, ob die Zentristen gegen die Progressiven gewonnen haben." Allerdings, fragt Corn, hat sich das Zentrum nicht nach links verschoben? Der Abzug aus dem Irak, die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo, diplomatischer Multilateralismus anstelle eines unilateralen Militarismus - bei alledem herrsche ein breiter Konsens. Bei alledem unterscheide sich die politische Mitte kaum noch von der Linken, der man einst auch den Senator Obama zurechnen konnte.

Der Zentrist Obama band eine frühere Rivalin ein, indem er Hillary Clinton zur Außenministerin kürte. Er erzürnte manche Getreuen, weil er mit Robert Gates den Verteidigungsminister Bushs im Amt beließ. Er versuchte die Wall Street zu beruhigen, indem er mit Tim Geithner einen Finanzminister wählte, der schon unter der alten Administration führend daran beteiligt war, ein 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die kranke Kreditbranche zu schnüren.

Und was ist mit "Change" ? Um es zu schaffen, brauche er erfahrene Kräfte, beruhigt Obama die Anhänger der ersten Stunde, die in ihm vor allem den Rebellen gegen das Establishment gesehen hatten. Er gebe die Richtung vor, sein Kabinett setze um. "Versteht doch, woher die Vision für den Wandel kommt: Sie kommt von mir." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2008)