Standard: Wie stellt sich der Fall Madoff aus Sicht eines Finanzmathematikers dar? Wie kann so ein System so lange funktionieren?

Teichmann: So wie sich das bisher darstellt, hat das mit Finanzmathematik nichts zu tun, sondern es dürfte ein reiner Betrugsfall sein. Interessant sind allerdings die Dimension des Betrugsfalls und die Frage, wieso die Finanzmarktaufsicht in den USA nichts davon gemerkt hat. Aber das hat nichts mit Mathematik zu tun. Das ist ungefähr so, als würde man, wenn ein Lkw in einen Brückenpfeiler fährt, einen Statiker dazu befragen.

Standard: Um welches Betrugssystem handelt es sich - Schneeball- oder Pyramidensystem?

Teichmann: So wie es bisher dargestellt wurde, war es ein Pyramidenspiel. Er hat Werbung gemacht, dass es besonders lukrativ und exklusiv ist, bei ihm zu investieren, und hat anscheinend immer größere Geldgeber gefunden. Mit ihrem Geld hat er alte Versprechen finanziert. Die Summe, die eingelegt wurde, ist kontinuierlich gestiegen. So ein Geschäftsmodell wendet sich an reiche Kunden, bei denen man sicher ist, dass sie das Geld nicht brauchen, sondern nur die Zinsen. Wenn jemand aber über Jahre hinweg acht Prozent Rendite verspricht, sollte man vorsichtig sein.

Standard: Und durch Großinvestoren, die Geld abziehen wollten, ist das System zusammengebrochen?

Teichmann: Pyramidenspiele hat es schon viele gegeben, und die brechen halt immer zusammen, wenn eine große Menge teilnehmender Personen ausschert. Aber dazu braucht es auch keine Mathematik. Finanzmathematische Modelle kommen bei zwei Dingen zum Einsatz: Bei Marktrisiko und bei Kreditrisiko. Hier handelt es sich aber um ein operationales Risiko, also z.B. eine Naturkatastrophe oder im konkreten Fall eben um Betrug. Ich wundere mich aber, wie so oft in letzter Zeit, welche Geschäfte da gemacht wurden und wieso die Behörden so großartig versagen. Dass da niemand nachsieht, was mit dem Geld gemacht wird, ist verwunderlich. Wenn jemand 50 Milliarden Dollar veranlagt, müsste man das ja in den Büchern sehen.

Standard: Also ein Problem der Aufsicht?

Teichmann: Es gibt natürlich auch einen wirtschaftlichen und kulturellen Kontext. Ein langfristiges Wachstum deutlich über dem Wirtschaftswachstum ist ohne Risiko nicht möglich. Das gilt auch für Aktien. (Gabriele Kolar, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.12.2008)