"Normalerweise werden Migranten primär als sicherheitspolitisches Risiko gesehen", sagt Ingrid Spicker, Leiterin des Forschungsprojekts Salomon. "Wir haben uns gefragt, welche Bedrohungsbilder und -ideen Menschen mit Migrationshintergrund selbst haben."

Die Soziologin am Forschungsinstitut des Wiener Roten Kreuzes, welches Projekte im Sozial- und Gesundheitsbereich durchführt, arbeitet seit vergangenem Jahr in Kooperation mit der SigmundFreud-Privatuniversität daran, eine Methodik zu entwickeln, um valide Aufschlüsse über die Ängste von Migranten in Österreich zu gewinnen. Denn: "Wir betreten Neuland. Es gibt europaweit fast keine Studien, die über das Thema innere Sicherheit und Kriminalität hinausgehen", erklärt Spicker.

Mit diesem Ansatz ist Salomon ein eher ungewöhnliches Projekt im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramm Kiras des Infrastrukturministeriums. Insgesamt 110 Millionen Euro sind von 2005 bis 2013 für wissenschaftliche Projekte vorgesehen, die sich um die "Gewährleistung und Erhöhung der nationalen Sicherheit" drehen, 2008 wurden Fördergelder von über neun Mio. Euro vergeben.

Dabei sind es vor allem Bedrohungsszenarien wie Seuchen, Umwelt- und Naturkatastrophen, Terroranschläge, Sabotageakte und schwerwiegende Unfälle, die im Mittelpunkt der Sicherheitsforschung stehen - einem jungen, aber spätestens seit 9/11 boomenden Forschungszweig. Im Gegensatz zu militärischer Verteidigung liegt der Schwerpunkt von Kiras auf dem Schutz sogenannter kritischer Infrastruktur, also Krisenmanagement und Sicherheitstechnologien für Energie- und Verkehrsnetze, Internet und Telekommunikation, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung.

Geteilte Verunsicherung

Ziel des Programms ist aber auch, herauszufinden, welche Bedrohungsbilder in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen existieren, um spezifisch darauf eingehen zu können. So ist bekannt, dass ältere Frauen, sozial Benachteiligte, Städter oder Leser der Kronen Zeitung vergleichsweise mehr verunsichert sind als andere Bevölkerungsgruppen und größere Angst vor Jobverlust, Kriminalität - und eben auch Zuwanderung haben.

Welche Ängste Zuwanderer haben, ist hingegen so gut wie unerforscht. Um ein geeignetes Instrumentarium für die methodische Erfassung zu finden, wird im Rahmen des Salomon-Projekts Anfang nächsten Jahres in Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen eine qualitative Erhebung gestartet. "Die Herausforderung ist, dass es sich bei Migranten um eine sehr heterogene Zielgruppe handelt", erklärt Spicker. Dazu kämen mögliche sprachliche Barrieren, zum Teil schwere Erreichbarkeit der Zielgruppe sowie Misstrauen und Skepsis, die ein spezielles Forschungsdesign und bedächtiges Vorgehen nötig machen würden.

Im Folgeprojekt Salomon Next Step soll aufgrund der qualitativen Erhebung ein Fragebogen für eine repräsentative Studie erstellt werden, die vom Meinungsforschungsinstitut Sora, ebenfalls Projektpartner, umgesetzt werden kann. Abschließend können die erhobenen Daten analysiert werden.

"Arbeitshypothese ist, dass die Bedrohungswahrnehmung ganz stark mit der sozialen Lage in Verbindung steht", sagt Projektleiterin Spicker. Zukunftsängste, Sorgen um den Job oder Fragen der Pensionssicherheit würden im Vordergrund stehen.

Auch wenn die wenigsten von Kiras geförderten Projekte rein sozialwissenschaftlich sind - Voraussetzung für die Teilnahmen an dem Forschungsprogramm ist die Einbindung von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftern: "Das ist ein elementarer Bestandteil, um zu gewährleisten, dass Technologien oder Dienstleistungen auch wirklich einsetzbar sind", heißt es im Infrastrukturministerium. Vor allem soll dadurch das Spannungsfeld zwischen Sicherheitsbedürfnissen auf der einen und Vorbehalten gegenüber Freiheitseinschränkungen auf der anderen Seite in den Griff bekommen werden. Nicht zuletzt geht es darum, das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung zu erhöhen und nicht neue Ängste vor einem Überwachungsstaat zu schüren, wie von den Programmverantwortlichen betont wird. Zudem müssen die Nutzer, also öffentliche Einrichtungen wie Feuerwehr, Rettung und Polizei, eingebunden werden.

Wachstumsbranche

Die bisher geförderten Projekte beschäftigen sich auch etwa mit flexiblen Evakuierungssystemen, Informationsmanagement für Feuerwehreinsätze oder intelligenten Überwachungssystemen. Anträge für die aktuelle Ausschreibung können noch bis 19. Jänner 2009 eingereicht werden.

Der Andrang ist erwartungsgemäß groß, ist doch die Sicherheitswirtschaft eine Wachstumsbranche, in der etwa 7500 Menschen in Österreich beschäftigt sind. Auch auf EU-Ebene wird auf Sicherheitsforschung gesetzt - das Thema ist Teil des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms (2007 bis 2013), mit einem Fördervolumen von knapp 1,4 Milliarden Euro. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2008)