London - Die schwere Rezession in Großbritannien hat die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit sieben Jahren über die Millionengrenze getrieben. Die Anträge auf staatliche Unterstützung schnellten im November zum Vormonat um 75.000 in die Höhe, wie das Nationale Statistikamt am Mittwoch mitteilte. Einen solchen Anstieg hat es seit mehr als 17 Jahren nicht mehr gegeben. Die Folgen der Finanz- und Immobilienkrise schlagen damit in dem Land mit dem führenden Bankenstandort London immer stärker auf den Arbeitsmarkt durch.

Überraschender Anstieg

Die Arbeitslosenzahlen klettern nunmehr seit zehn Monaten in Folge. Für viele Fachleute kommt der starke Anstieg überraschend, da der Arbeitsmarkt normalerweise erst mit Verzögerung auf einen Abschwung reagiert: "Dass so viele Jobs so frühzeitig in einem Wirtschaftszyklus verlorengehen, ist außerordentlich besorgniserregend", sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Großbritannien, George Buckley.

Die amtliche Statistik erfasst insgesamt 1,072 Millionen Briten, die nicht in Lohn und Brot sind. Legt man die weiter gefassten Kriterien der Internatonalen Arbeitsorganisation (ILO) zu Grunde, sind sogar mittlerweile 1,86 Millionen Briten erwerbslos. Der britische Notenbanker David Blanchflower befürchtet, dass die ILO-Erwerbslosenzahl bereits zu Weihnachen die Marke von zwei Millionen und 2010 die Drei-Millionen-Grenze übersteigen wird.

Seit dem Platzen einer Immobilienblase befinden sich die Hauspreise in Großbritannien im freien Fall. Industrie und Dienstleister leiden zusehends unter der weltweit um sich greifenden Wirtschaftskrise. Die verunsicherten Verbraucher sind trotz der jüngsten Mehrwertsteuersenkung und Rabattaktionen in den Käuferstreik getreten, was der Einzelhandel im Weihnachtsgeschäft schmerzlich zu spüren bekommt. Wie der Industrieverband CBI in seiner jüngsten Branchenumfrage herausfand, sind die Umsätze im Dezember zum Vorjahr so stark eingebrochen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Aggressive Zinssenkungen

Die immer schärfere Rezession hat auch die altehrwürdige Bank von England (BoE) alarmiert, die sich mit sehr aggressiven Zinssenkungen gegen die Krise stemmt. Zuletzt lockerten die Zentralbanker die Zinsschraube um einen vollen Prozentpunkt. Sie diskutierten intern sogar über eine noch größere Senkung und stellten eine weitere geldpolitische Lockerung in Aussicht, wie aus den nun veröffentlichten Protokollen der BoE-Sitzung von Anfang Dezember hervorgeht. Erstmals in der über 300-jährigen Geschichte der Notenbank könnte der Schlüsselzins damit schon bald unter zwei Prozent fallen. Einige Experten erwarten sogar, dass die britischen Notenbanker dem Vorbild der USA folgen werden und beim Leitzins letztlich nahe null landen werden.

Konjunkturforscher rechnen damit, dass Großbritannien trotz aller geldpolitischer Gegenmaßnahmen nächstes Jahr noch tiefer in die Rezession abrutschen wird. Die OECD prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung 2009 um 1,1 Prozent schrumpfen wird. (APA/Reuters)