Berlin/Washington - Die historische Zinssenkung der US-Notenbank dürfte Europas Währungshüter unter erhöhten Zugzwang setzen. "Der Druck auf die EZB steigt, etwas zu tun", sagte Allianz/Dresdner-Bank-Chefvolkswirt Michael Heise am Mittwoch. Allein das Anziehen des Euros als Reaktion auf die Entscheidung der Fed verstärke die konjunkturellen Schwierigkeiten in Europa nochmals. "Die Europäische Zentralbank wird jede Chance nutzen, um die Zinsen weiter zu senken."

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hatte am Dienstag den Leitzins von 1,0 Prozent überraschend auf eine Spanne von Null bis 0,25 Prozent gesenkt. Der Zins liegt damit so niedrig wie seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr. Die Märkte hatten überwiegend mit einer Rücknahme um einen halben Prozentpunkt gerechnet. Mit ihrem Schritt hat sich die Fed im Kampf gegen die Rezession vorerst von der traditionellen Zinspolitik verabschiedet. Die Fed kündigte unter anderem an, jetzt zunehmend Staatsanleihen etwa von Hypothekenfinanzierern aufkaufen zu wollen, um für mehr Liquidität zu sorgen.

EZB hat noch Spielraum

Nach Ansicht von DekaBank-Chefökonom Ulrich Kater dürfte eine Geldpolitik jenseits des Leitzinses die EZB anders als deren US-Kollegen derzeit noch nicht beschäftigten. "Sie werden erst darüber nachdenken, wenn sich die Konjunktur in Europa ab Mitte 2009 überhaupt nicht belebt." Die EZB hat noch Spielraum in ihrer Geldpolitik. Die Notenbank hatte Anfang Dezember den Leitzins von 3,25 auf 2,5 Prozent gesenkt - so stark wie noch nie.

Seit Anfang Oktober haben die Frankfurter ihren Leitzins um insgesamt eindreiviertel Prozentpunkte gedrosselt, um der Rezession zu begegnen. "Der Druck besteht unabhängig von dem, was die Fed macht", betonte David Milleker, Chefökonom bei Union Investment. Grund sei der kräftige Abschwung. "Die Konjunkturindikatoren signalisieren uns, dass die europäische Wirtschaft schrumpft, und zwar beschleunigt."

Uneinig über Zeitpunkt

Unstrittig ist unter Fachleuten, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seine Kollegen den Leitzins weiter senken werden. Ob es bereits im Jänner dazu kommt, gilt aber als unklar. Allianz-Experte Heise sieht bei 1,75 Prozent im Jänner das Ende der Fahnenstange erreicht. "Wir rechnen damit, dass sie spätestens bei 1,5 Prozent Schluss machen", sagte Milleker. Mit einem niedrigeren Niveau dürfte sich die EZB ohnehin schwertun, denn das historische Tief liegt bei zwei Prozent.

Während die Fed künftig nach eigenen Angaben "alle verfügbaren Werkzeuge" für den Kampf gegen die Rezession einsetzen will, hält sich die EZB bedeckt. Trichet hatte zuletzt aber angedeutet, womöglich den Einlagezins, zu dem Banken über Nacht Geld bei der EZB parken können, zu senken. "Ich würde der EZB dazu raten", sagte Heise. Dies könne den Interbankenmarkt, also die Kreditvergabe der Institute untereinander, wieder in Schwung bringen, weil es für sie weniger reizvoll wäre, ihr Geld bei der EZB kurzfristig anzulegen. Zudem sei eine Clearingstelle zu prüfen, die im Zweifel das Risiko bei Kreditausfällen übernimmt und damit Markt wieder mehr Vertrauen einflößt.

Epizentrum der Krise

Das derzeit höhere Zinsniveau im Euro-Raum im Vergleich zu den USA halten die Experten für angemessen. "Das Epizentrum der Krise ist in Amerika", sagte DekaBank-Chefvolkswirt Kater.

Die norwegische Notenbank reagierte bereits und nahm ihren Leitzins am Mittwoch unerwartet kräftig von 4,75 auf drei Prozent zurück. Am Freitag wird die Fachwelt nach Japan schauen. Dort könnten die Währungshüter ebenfalls einen massiven Zinsschritt Richtung Null gehen. "Wenn die Fed so weit geht, wären die Märkte sehr enttäuscht, falls die BOJ die Zinsen bei 0,3 Prozent belässt", sagte der Ökonom Hirokata Kusaba vom Mizuho Forschungsinstitut. (APA/Reuters)