"Das Bestreben unserer Gesellschaft besteht darin, eine heile Familie zu haben", sagt Soziologin Manuela Brandstetter. Das bringt Menschen unter Druck, der sich in Gewalt entladen kann.

Foto: Manuela Brandstetter, Soziologin, FH St. Pölten

Standard: Ihre Dissertation trägt den Titel "Gewalt im sozialen Nahraum - Chancen und Grenzen von kommunaler Prävention". Wie kann man sich Vorsorge bezogen auf Gewalt konkret vorstellen?

Brandstetter: Dazu, wie man Gewalt in Familien verhindert, gibt es viele Ideen. Die innovativsten Konzepte kamen von Gewaltschutzzentren, wo keiner ein Problem damit hatte, laut nachzudenken und Lösungen zu simulieren. Als Beispiel wurden Gender-Trainings für die Freiwillige Feuerwehr genannt. Darüber musste ich schmunzeln. Sehr wenig Fantasie gibt es aufseiten der Politik, gar keine bei der Polizei. In ganz Niederösterreich fand ich nur einen Sprengel, wo es die Tradition gibt, dass der Bezirkshauptmann mit engagierten Bürgern einen Jour fixe zu sozialen Fragen abhält. In Deutschland und der Schweiz sind solche "Präventionsräte" normal - bei uns herrscht in dem Bereich Wüste. Vonseiten der Polizei wurde begründet, dass Präventionsarbeit leider nicht Chefsache und dem Dienstgeber kein Anliegen ist.

Standard: Wie schaut so ein Gewaltpräventionsmodell aus?

Brandstetter: Sich Verbündete zu suchen und jenseits aller Berufsstandsschranken Gremien zu gründen, die sich mit Hilfskompetenz beschäftigen. Außerdem ist es wichtig, die Nähe des Phänomens häuslicher Gewalt ins Rampenlicht zu rücken. Familiäre Gewalt "passiert" nicht nur Leuten in prekären Lagen. Vielmehr ist es so, dass Fragen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, der Geschlechter-Kommunikation, des Machtunterschiedes zwischen Geschlechterrollen praktisch allgegenwärtig sind. Deshalb gibt es eine starke Distanzierung und Moralisierung. Sie ist ein gutes Ventil für "gewöhnliche Familien", um zu sagen: "Wir sind ja ganz anders." Dort müsste die Aufklärungsarbeit ansetzen. Der Gewaltbegriff ist inhaltsleer geworden, weil es es immer um skandalisierte Einzellfälle geht, aber nicht darum, wie die Gesellschaft insgesamt betroffen ist.

Standard: Was sind die Auslöser für Gewalt?

Brandstetter: Der Nährboden dafür ist sicher die Hierarchisierung zwischen Männer- und Frauenrollen. Der Mann hat einen anderen Status als die Frau, darüber herrscht wenig Bewusstsein. Wir befinden uns in dieser Hinsicht noch in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Der Ansatzpunkt ist also die Frauenarbeit, weil Frauen in erster Linie von Gewalt betroffen sind.

Standard: Warum ist zu Weihnachten das Gewaltpotenzial erhöht?

Brandstetter: Weil das Bestreben unserer Gesellschaft darin besteht, eine heile Familie zu haben. Wenn es dann so kritische Marker gibt wie Weihnachten, wo man schaut, "hab ich die oder hab ich die nicht?", kommt das Gewaltpotenzial zum Ausdruck. Außerdem gibt es kein Problembewusstsein dafür, dass man in einer Familie knallharte Beziehungsarbeit leisten muss. Denn es steckt viel Arbeit dahinter, Normalität herzustellen: Ein richtiger Mann, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein - das ist ein großer Stressfaktor. Und wenn Menschen wenige Netzwerke haben oder ein schlechtes Coping, kommt es in Folge der Überforderung oft zu Eskalationen.

Standard: Tun sich junge Familien schwerer als Paare, die vielleicht schon sehr lange zusammen sind?

Brandstetter: Ja. Junge Familien haben einen überhöhten Anspruch, eine "normale" Familie zu sein - wenngleich nicht klar ist, was das eigentlich ist. Vielfach wird jungen Menschen eine neue Kleinbürgerlichkeit unterstellt. Dieser Rückbezug auf konservative Ideale beruht aber auf einer tiefen Sehnsucht nach Werten wie Geborgenheit, Orientierung und Sinnstiftung. (Bettina Reicher, DER STANDARD, Print, 20./21.12.2008)