Die Gefahr der Unerheblichkeit besteht darin, dass Dinge einreißen, bei denen man sich auf den Kopf greifen müsste - aber man tut es nicht, weil sie zu unerheblich sind. Reicht es einem einmal, und man spricht diese Dinge aus, so ist es oft schon zu spät, da sie bereits in Gewohnheit übergegangen sind.

Zum Beispiel hat sich die Serviette in der heimischen Gastronomie in eine völlig falsche Richtung bewegt. Bis vor kurzem unterschied sich in ihrer Verwendung der Mensch vom Tier. (Oft war es beim Akt des Essens sogar der ein-zige Unterschied.) Aß ein Mensch und verfehlte er das Ziel oder überschätzte er die Größe seines Mundes, wischte er den Umkreis nachher ab. Zweckdienlich lag hierfür die saubere Serviette griffbereit neben dem Teller.

Im Deko-Wahn wanderte die Serviette dann plötzlich auf die Tellerfläche. Da man das Essen nicht gut daneben anrichten konnte, legte man es einfach darauf. In jedem zweiten Wiener Café serviert man uns jetzt Kuchen, Torte, Toast oder Würstel auf der Serviette, wodurch diese unbenutzbar wird. Womit wischen wir uns also ab? Mit dem Tischtuch - bis man uns dieses vielleicht als Suppeneinlage offeriert. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 20.12.2008)