Eine Physikerin, mittlerweile eine angesehene europäische Politikerin, bediente sich neulich der Sprache ihres ursprünglichen Fachs, um den Barack Obama der Übergangsphase zu charakterisieren. Er sei semipermeabel, halbdurchlässig, "er nimmt alles auf und gibt nichts ab". Jetzt hätten alle die Gelegenheit, ihm ihre Vorschläge nach Chicago zu übermitteln. Was er daraus mache, werde man ab dem 20. Jänner sehen.

In den Regierungsetagen der Alten Welt ist der Senkrechtstarter noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Sein bejubelter Auftritt in Berlin sagte wenig darüber aus, wie nah oder fern er Europa steht. Was transatlantisch vom 44. US-Präsidenten zu erwarten ist, darüber zerbrechen sich Europäer noch immer den Kopf.

Obama lasse daran denken, dass die Partnerschaft zu neuem Leben erwache, sagte Karsten Voigt, unter deutschen Außenpolitikern der führende US-Experte, bei einem Vortrag im Goethe-Institut. Er wecke Hoffnung. "Aber um ehrlich zu sein, ein Stück dieser Hoffnung scheint mir übertrieben. Es ist klar, dass ein Präsident Obama in erster Linie amerikanische Interessen verteidigt und einige harte Entscheidungen trifft, die die Europäer nicht immer mögen."

Nicht nur Voigt, auch US-Strategen nennen als Erstes den Testfall Afghanistan. Wie viel mehr verlangt die Nummer 44 von den Verbündeten? Besteht er darauf, dass auch Deutsche und Franzosen Truppen in den unsicheren Süden Afghanistans entsenden? Gültige Antworten, so der Tenor europäischer Besucher, könne man nicht geben, zu vieles sei im Fluss.

Ähnlich verhält es sich im Falle des Atomstreits mit dem Iran, einem Konfliktherd, bei dem die USA bereits in der zweiten Amtszeit George W. Bushs die Verhandlungstaktik der EU-Troika mehr oder weniger unterstützten. Karl Kaiser, Politikwissenschafter an der Universität Harvard, hofft auf ein schnelles Signal. Europäer und Amerikaner sollten dem Iran "eine wirklich interessante Offerte" machen, die Teheran etwas Positives in Aussicht stellt. Kaiser denkt an Arbeitsteilung: Während sich die USA auf die Sicherheitsaspekte konzentrieren, könnten die Europäer das Gewicht auf die Wirtschaft legen. Dass Obama auf solche Initiativen eingeht, hält der Politologe für denkbar, allein wegen der gedanklichen Leitlinie des Bush-Nachfolgers. "Seine Philosophie ist eine multilaterale. Und er kann zuhören."

Afghanistan, der Iran, Nahost, Pakistan, China, Russland: Es ist nicht die transatlantische Brücke im engeren Sinn, die derzeit die Debatten bestimmt. Vielmehr ist es die Frage, ob man sich auf ein gemeinsames Vorgehen in den drängendsten Fragen der Weltpolitik einigen kann. Auch Obama werde die Anwendung militärischer Gewalt nicht ausschließen, wenn er amerikanische Sicherheitsinteressen bedroht sieht, sagt Voigt. Der Unterschied zu Bush liege im Stil. (rank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.12.2008)