Nachdem sie ihr Haus verloren hatte, besetzte Marie Nadine Pierre das leerstehende Objekt wieder. Möbel hat sie keine mehr, die wurden abgeholt.

Foto: STANDARD/Neubauer

Wer das schlichte Einfamilienhaus im Stadtteil "Little Haiti" betritt, könnte glauben, dass Marie Nadine Pierre gerade beim Ein- oder Ausziehen ist. Eine Matratze im Schlafzimmer, ein paar Plastik-stühle im Wohnzimmer, das ist alles. Ein Besen lehnt einsam in der Ecke. Doch weit gefehlt. "Sie haben alles mitgenommen" , klagt die 39-Jährige. "Meine Möbel, den Fernseher, Kleider, Spielsachen, selbst die Lebensmittel."

Nicht Einbrecher haben in dem Arbeiterviertel von Miami zugeschlagen. Verantwortlich sei der Verwalter, sagt Max Rameau indigniert. Er habe sogar das Schloss ausgewechselt. Wozu er auch alle Rechte hatte. Denn das Haus gehört der Bank. Pierre hat es vor drei Wochen besetzt - mithilfe von Rameau. Rameau vertritt die Organisation "Take Back The Land" , die mit Hausbesetzungen oder, wie er es nennt, mit "Hausbefreiung" die Obdachlosigkeit in Miami bekämpfen will. "Wir bringen Menschen ohne Häuser in Häuser ohne Menschen" , sagt er und grinst. Bei den "befreiten" Objekten handelt es sich um Immobilien, denen die Zwangsversteigerung droht. Und die gibt es in Miami en masse.

"Ground Zero" der Immo-Krise

Seit dem Ende des Baubooms Mitte 2006 ist Miami Ground Zero der Immobilienkrise. Tausende Häuser und Apartments stehen leer. Ganze Neubauviertel sind verwaist. Die Häuser wurden an Käufer mit schlechter Bonität verhökert oder an Spekulanten, die nun feststellen, dass die Schulden höher sind als der Wert der Immobilie. Das Haus in "Little Haiti" war im Mai 2006 für 430.000 Dollar verkauft worden. Heute ist es nur noch geschätzte 260.000 Dollar wert. Der Besitzer stoppte daraufhin einfach die Schuldentilgung. Die Bank will es loswerden. Doch der Prozess kann angesichts der Kreditkrise Monate dauern. Hier tritt Rameaus Organisation auf den Plan.

"Im Großraum Miami leben 1683 Obdachlose auf der Straße, und mehr als 5500 Häuser sind unter Zwangsvollstreckung. Wenn die Stadt ihr Obdachlosenproblem lösen wollte, könnte sie dies auf einen Schlag tun" , rechnet er.

Als Gegenleistung würden seine Klienten im Haus nach dem Rechten sehen und für Strom und Wasser zahlen. "Sonst ziehen hier vielleicht Drogenhändler ein oder die Leitungen werden herausgerissen und das wird Haus zerstört." Moralische Bedenken hat er nicht. Hat doch Pierre keine andere Bleibe mehr für sich und ihre vier Kinder.

Schuldenfalle

Vom eigenen Haus in die Gosse, diese Schicksale häufen sich in den USA, sagen Hilfsorganisationen. Oft reichen steigende Zinsraten, Arbeitsverlust oder Krankheit, und die Schuldenfalle schnappt zu.

Noch ein anderes Phänomen lässt sich beobachten: Hausbesitzer, die ihre Schulden in Florida oder Kalifornien durchaus noch abzahlen könnten, verlegen ihren Wohnort nach Texas. Denn dort dürfen im Falle der Bankrotterklärung Gehaltszahlungen und Renten, Lebensversicherungen und sogar Schmuck oder Luxusautos von den Gläubigern nicht angetastet werden. "Texas ist ein extrem freundlicher Ort, wenn man Schulden hat, die man nicht bezahlen will" , sagt Anwältin Marjorie Britt. Und wer macht sich dies nun zunutze? Spekulanten, die in anderen Bundesstaaten, von der Immobilienkrise erwischt, auf ihren Objekten sitzenblieben. Oft bezahlten sie die Hypothek mit der Kreditkarte, während sie von den Mietern Cash kassierten. War eine Kreditkarte ausgereizt, wurde eine neue zugelegt. Gab es keinen Kredit mehr, wurde die Hypothekzahlung eingestellt. Bis die Bank zur Tat schritt, konnten Monate vergehen. Auf diese Masche setzte auch der einstige Hausbesitzer in "Little Haiti" . Er ist nun abgetaucht.  (Rita Neubauer aus Miami, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.12.2008)