..., acht, neun, zehn und aus. Dass die AutorInnen auf der Internet-Plattform zehnSeiten.de genau zehn und nicht nur fünf Seiten aus ihren aktuellen Büchern lesen, hat einen recht pragmatischen Grund: "Die Videos haben dann einfach die richtige Länge", so Anna Jung, eine der MitbetreiberInnen des Portals. Sie verrät überdies, dass es fast nie exakt zehn Seiten sind, die gelesen werden: "Die bis zu 20-minütigen Videos geben aber einen schönen ersten Eindruck. Als Zuhörer und -seher taucht man genau so weit ein, dass man neugierig auf den Rest wird und unweigerlich mehr wissen möchte."

Gemeinsam mit dem Musikproduzenten Mario Thaler, bekannt von der Weilheimer Musikszene um das Uphon-Label, sowie mit Johannes Wörle, Florian Steinleitner und Per Schönacher hat sie es geschafft: Pünktlich zur vergangenen Frankfurter Buchmesse ist die Seite "online" gegangen. Seither hat die fünfköpfige Crew mehr als zwanzig Lesungen in den Kasten gebracht und wird dafür mittlerweile auch schon mit etliche Klicks und Aufträgen von größeren Verlagen belohnt.

Kein Schnickschnack

Dabei ist auf zehnSeiten.de nicht einmal viel zu sehen - aber genau das ist das Konzept: Keine großartigen Spielereien aus dem Repertoire von Web 2.0, keine toll geschnittenen Videos mit LiteratInnen, die sich in unterschiedlichen Posen und Settings präsentieren, keinerlei zusätzlicher Schnickschnak. Nein, AutorInnen wie Ursula Krechel, Norbert Niemann, Julia Zange, Paul Brodowsky, Harriet Köhler und Thomas Meinecke präsentieren sich in dezentem schwarz/weiß. Die fixierte und immer gleiche Kameraeinstellung, perfekt aufgenommener Sound und das Überraschungsmoment, die AutorInnen, deren Gedanken man sonst nur in gedruckter Form kennt, auch einmal "persönlich" zu Gesicht zu bekommen, tragen ihren Teil zur Präsentation des Wesentlichen bei: Literatur.

Österreichische Literatur

Mittlerweile sind auch einige Österreicher auf der Plattform vertreten: Norbert Gstrein mit Winter im Süden (Hanser) und Xaver Bayer (siehe Probelesung von Die durchsichtigen Hände (Jung & Jung) in der Spalte links) machen aber erst den Anfang. Für Anfang Februar ist eine Reise nach Österreich in Vorbereitung: "Zwei, drei Tage lang werden wir in Wien ansässige AutorInnen filmen. Unter anderem steht Gert Jonke auf dem Plan", erzählt Anna Jung in einem Skype-Gespräch, wie es sich für die Betreiberin einer Online-Plattform gehört. Zu diesem Altmeister österreichischer Literatur wird sich beispielsweise auch die Bludenzerin Verena Roßbacher gesellen, deren erster Roman Verlangen nach Drachen Ende Februar 2009 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Weitere NewcomerInnen sind geplant, die Namen werden aber noch nicht verraten.

Arbeitsprozesse

"Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich oft die einzelnen AutorInnen ihren Text lesen, bis sie mit der Aufnahme zufrieden sind. Der erste Take ist aber dann doch meist der, für den sie sich letztenendes entscheiden", sagt Anna Jung und schmunzelt: "Es gibt ziemliche PerfektionistInnen; da kann es schon mal bis zu sieben Stunden dauern, bis der Dreh abgeschlossen ist. Die gemeinsame Fahrt im Auto von München ins Studio nach Murnau im vorhinein entspannt allerdings jedesmal sehr." Danach kann es direkt losgehen.

Unterschiedliche Lesestile

Dass sich die Lesestile der Autoren in der Qualität unterscheiden, hängt vermutlich von der Persönlichkeit der SchriftstellerInnen ab. Besonderes Talent beweist etwa Rafik Schami, der die ersten zehn Seiten aus Das Geheimnis des Kalligraphen (Hanser) folgendermaßen beginnt: "Das Gerücht, oder wie Geschichten in Damaskus anfangen." Und genau wie Gerüchte entstehen, also mündlich, beginnt Schami nicht vorzulesen, sondern aus seinem Gedächtnis zu rezitieren, was er dann auch zehn Seiten lang durchhält.

Intelligente Werbung

"Herzblut, Liebe, Idealismus" nennt Anna Jung sofort, wenn es darum geht, ihre Arbeit für zehnSeiten.de zu beschreiben und meint realistisch: "Es ist eine Art Marketing-Instrument, das wir aufgesetzt haben, aber uns macht Marketing ja auch Spaß." Das unprätentiöse Ergebnis, sei es nun Werbung oder nicht, lässt sich auf alle Fälle sehen. Möglicher Grund dafür: Keiner vom Team stammt aus dem Literaturbetrieb - ein Vorteil, vor allem für die Literatur. (fair, derStandard.at, 21.12.2008)