Der noch kürzlich gefeierte dänische IT-Starunternehmer Stein Bagger war ein gerngesehener Gast in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elite Dänemarks, bis eine Journalistin herausfand, dass er seine millionenschweren Umsätze vier Jahre lang völlig frei erfunden hatte.
Nach einer ganz Dänemark faszinierenden Flucht stellte er sich - und beteuerte seine Unschuld. Er sei von Kriminellen erpresst worden. "Alles, was ich tat, habe ich getan, um meine Familie zu beschützen" , behauptet er.

Gefeiert von der Elite

Stein Baggers Unternehmen IT Factory wurde von der dänischen Wirtschaftselite gefeiert. Es bot Softwareprogramme und Computerhardware an - angeblich. An dem Abend, an dem sein Unternehmen in Kopenhagen zur "Firma des Jahres" gekürt wurde, befand sich Bagger mit Ehefrau und einem befreundeten Milliardärspärchen auf einem Spontanurlaub in Dubai. Beim Abendessen entschuldigte er sich plötzlich, um telefonieren zu gehen, und kam nie zurück. Seine Spur endete auf dem Flughafen von Dubai. Zehn Tage war er völlig verschwunden, Dänemark erlebte gleichzeitig einen der größten Betrugsskandale seiner Geschichte. Denn mit Bagger waren nach ersten Schätzungen auch 67,5 Mio. Euro verschwunden. Inzwischen wird vom Dreifachen ausgegangen. Die beachtliche Summe hatte er sich erschwindelt, indem er seinen bei null liegenden Unternehmensumsatz durch hunderte von gefälschten Leasingaufträgen auf 135 Mio. Euro hochschraubte.

Unglaubliches Charisma

Das charismatische Talent, Menschen unterschiedlichsten Schlages, von Arbeitern über prominente dänische Sport- und Komikerstars bis hin zur Wirtschaftselite, dazu zu bringen, ihn zu mögen und ihm zu vertrauen, verdankte er auch der im Nachhinein bizarr wirkende Vertrauensseligkeit der Banken.
Allein die Dänische Bank gab ihm 35 Millionen Euro, ohne die Bücher gründlich zu prüfen. Noch vor kurzem, bekam er einen Überziehungskredit von 6,7 Mio. Euro. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young und das IT-Fachblatt Computerworld ehrten ihn mit Preisen für sein "innovatives" und "erfolgreiches" Geschäftsmodell.
Die dänische Journalistin Dorte Toft fand es jedoch merkwürdig, dass man nie von Kunden Baggers hörte, und stellte diese Frage in ihrem Internetblog. Anonyme Personen mit Insiderwissen versorgten sie mit Informationen.
Nach einer USA-Rundreise stellte sich Bagger in Kalifornien. "Ich bin so froh, dass jetzt alles raus ist, der Albtraum ein Ende hat. Mein Leben und das meiner Familie wurden bedroht." Aber er lehnte ab, zu enthüllen, wer ihn bedrohte. Zurück in Dänemark in der Untersuchungshaft, wo sich rund ein Dutzend Staatsanwälte mit ihm beschäftigen, meinte er plötzlich, dass es um ausländische, vielleicht türkische, Mafia ging, von der er aber kaum etwas wisse.

Nicht glaubwürdiger

Wie groß die Chance für die Banken ist, etwas von den Krediten wiederzusehen, ist unklar. Bagger ist seit seiner Rückkehr nicht viel glaubwürdiger geworden.
Er soll auch engen Kontakt zu der wegen krimineller Machenschaften umstrittenen Motorradorganisation Hells Angels in Dänemark pflegen, die jegliche Vorwürfe aber bestreitet. Eine Spur führt auch nach Hongkong, wo viel von dem Geld gelandet sein soll. Baggers Exfrau Martina wie auch der schwedische Geschäftsmann Mikael Ljungman, den anonyme schwedische Blogger für den Drahtzieher in der ganzen Geschichte halten, sollen dort Firmensitze haben. Irgendwo müsse das Geld ja noch sein, hoffen jedenfalls die Kreditgeber.(André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 22.12.2008)