Nicht einmal unter den bekennenden ÖVP-Wählern haben die bekennenden Anhänger der kirchlichen Lehre eine Mehrheit. Das geht aus einer am Montag und Dienstag vor Weihnachten durchgeführten Umfrage des Linzer market-Instituts für den Standard hervor.

Der STANDARD ließ erheben, wie gut die kirchlichen Aussagen in unsere Zeit passen. market fragte: "Die Zeiten werden derzeit als allgemein schwierig erlebt. Hat die katholische Kirche für die Menschen in unserer Zeit die richtigen Antworten?"
Darauf sagen nur sieben Prozent, das treffe bestimmt zu, weitere 18 Prozent sagen, es wäre "eher schon" so. 39 Prozent aber sagen, dass die Kirche eher nicht die richtigen Antworten habe, und 29 Prozent sagen sogar, dass sie diese gar nicht habe.

Und diese mehrheitliche Ablehnung der kirchlichen Antworten auf die heutige Lebenswelt zieht sich mehr oder weniger deutlich durch alle Bevölkerungsgruppen.

Besonders krass ist der Vertrauensverlust der katholischen Kirche in der jüngsten Bevölkerungsgruppe: Von den Befragten unter 30 Jahren sagen 41 Prozent, dass die Kirche gar keine richtigen Antworten geben könne – in der Gruppe der über 50-Jährigen wird diese Ablehnung nur von 22 Prozent geteilt.


Die Selbstständigen und Freiberufler sind jene Gruppe, die am stärksten der Kirche entfremdet zu sein scheint, unter ihnen lehnt mehr als die Hälfte die von der Kirche gegebenen Antworten ab.

Überdurchschnittlich hohe Zustimmung zur Kirche und ihren Antworten auf aktuelle Probleme gibt es von Frauen (neun Prozent), in Kleingemeinden (zehn Prozent) und unter ÖVP-Anhängern: Von ihnen folgen 18 Prozent "bestimmt" der kirchlichen Meinung und weitere 26 Prozent "eher schon" – aber 28Prozent der ÖVP-Gefolgschaft folgt der Kirche "eher nicht" und 18 Prozent gar nicht.

Politisch wenig Einfluss

Besonders wenig können dagegen Wähler von SPÖ und Grünen mit den Katholiken und ihren Kirchenführern anfangen. Der Einfluss der Kirche auf Politik und Gesellschaft wird dementsprechend als deutlich nachlassend wahrgenommen.

Der Standard ließ market dazu zwei weitere Fragen stellen: "Wenn man es im Zeitvergleich mit vor 10 Jahren sieht: Was meinen Sie, hören die österreichischen Politiker derzeit mehr, gleich viel oder weniger auf die Aussagen der katholischen Kirche?" Hier beobachten 55 Prozent einen schwindenen Einfluss der Kirche, 32 Prozent sehen den Einfluss gleichbleibend und nur drei Prozent steigend (die restlichen zehn Prozent haben dazu keine Meinung). Einen besonders stark schwindenden Einfluss der Kirche nehmen die Anhänger der Oppositionsparteien und die jüngsten Befragten wahr.

Auf die Frage, wie sich denn der römisch-katholische Einfluss auf die österreichische Bevölkerung entwickelt habe, ist die Antwort ähnlich deutlich: 60 Prozent sehen einen Verlust, sechs Prozent einen Zuwachs an Aufmerksamkeit. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2008)