Die Amity-Druckerei in Nanking kann bis zu 1,2 Millionen Bibeln im Monat drucken und stellt ein Drittel der weltweit neu produzierten Bibeln her. Pro Sekunde läuft ein Buch vom Band.

Foto: Johnny Erling

Eine Million Bibeln stellt eine Druckerei in Nanking, die vermutlich weltweit größte ihrer Art, im Monat her. Die enorme Nachfrage spiegelt auch das rasante Wachstum christlicher Kirchen in China wider.

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Die schwarz eingeschlagenen Bände laufen nonstop vom Band. Eine Arbeiterin im blauen Kittel nimmt sie ab, sortiert sie vor, schiebt sie einem wartenden Kollegen zu: Packer stapeln sie auf Paletten. Im nächsten Durchgang werden sie eingesiegelt, fertig zum Abtransport mit der Eisenbahn zu 70 Verteilungszentren im ganzen Land. Fähnchen markieren die Standorte. Es könnten auch Kreuze sein. Denn auf den Frachtpapieren steht: "Bibeln in Chinesisch."

Willkommen bei "Amity Printing", der einzigen erlaubten Bibeldruckerei in einem Land, wo in der Kulturrevolution der Besitz der Heiligen Schrift als reaktionäre Gesinnung verdammt und ihre Verbreitung als konterrevolutionärer Akt verurteilt wurde. Das änderte sich allmählich nach dem Tod Maos. Aber erst, nachdem vor 20 Jahren in Nanking die "Amity Printing" gegründet wurde, und vor allem, seit sie im Mai in ihre neue Großdruckerei umzog, gibt es die Bibel wieder überall in China. Der Chinesische Christenrat, der staatlich anerkannte Dachverband der evangelischen Kirchen, lässt sie im Sekundentakt produzieren. Am Ende läuft die 320-seitige Taschenbuchausgabe der kompletten Bibel vom Band. Sie ist Chinas heimlicher Bestseller.

Nankings Bibelfabrik ist die wahrscheinlich größte Anlage ihrer Art in der Welt. "Seit Juli stellen wir pro Monat eine Million Bibeln in einem Durchgang her vom Papier bis zum fertigen Buch. Das ist einzigartig", sagt Qiu Zhonghui, der 53-jährige Generalsekretär von Chinas "Amity". 1985 wurde die in Nanking sitzende christliche Stiftung als Verein für Armuts- und Entwicklungshilfe gegründet. Zwei Jahre später wurde die "Amity Printing" zum Drucken von Bibeln für China ins Leben gerufen. Es ist eines der ungewöhnlichsten Joint Ventures des Landes. Die Amity-Stiftung hält 75 Prozent in der Partnerschaft mit dem in England beheimateten Weltbund der Bibelgesellschaften.

Die Druckerei kann 1,2 Millionen Bibeln im Monat herstellen. Die Gesamtauflage der chinesischen Bibel kommt bald an die Mao-Bibel heran, das kleine rote Buch mit den Aussprüchen des Großen Vorsitzenden. Wiederholt wurde Nanking in Chinas Geschichte Hauptstadt des Landes. Nun könnte sie auch eine Bibelhauptstadt werden. Mit zehn Millionen Bibeln, die 2008 gedruckt werden, stellt Nanking rund ein Drittel der weltweit jährlich neu produzierten Bibeln her.

In China wachsen die offiziellen und nichtoffiziellen Kirchen in atemberaubenden Tempo und mit ihnen die Nachfrage nach der Heiligen Schrift, die Nanking auch für Katholiken druckt. Offiziell zählt China 20 Millionen Protestanten und knapp sechs Millionen Katholiken. Mit den Gläubigen der Hauskirchen und den papsttreuen Katholiken der Untergrundkirchen rechnen chinesische Experten das auf die dreifache Zahl hoch.

"Der Kirche die Tür geöffnet"

Chinas Bibelschwemme zeige nicht an, ob sich die Religionsfreiheit verbessert hat, sondern nur, wie rasch der Bibelbedarf von immer mehr Gläubigen angestiegen ist, sagen Kritiker. Peter Dean, der technische Leiter der Bibeldruckerei, aber betont, darüber nicht zu vergessen, dass Chinas Regierung "der Kirche die Tür geöffnet hat, um Bibeln in China zu drucken. Damit ist auch ein Stück neues Vertrauen entstanden."

Chinas Kirchen nutzen ihr Recht und gehen mit der Zeit und der Jugend. Das neue Testament lassen sie als Hörvariante in zehn CDs für 70 Yuan (sieben Euro) herstellen. Der Leitspruch auf dem Schuber lautet. "Der Weg des Glaubens kommt auf dem Weg des Hörens." Kein Wunder, dass nach der gedruckten Bibel vom Fließband gerade auch eine MP3-Version der Heiligen Schrift entsteht. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2008)