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Kontakte in die Politik helfen beim Spendensammeln: Joel Osteen mit Familie und Hillary Clinton (rechts).

Foto: AP/Carolyn Kaster

Alles ist gigantisch in Texas. Die Steaks. Die Gürtelschnallen. Die Highways. Und auch die Lakewood Church: Die größte Megakirche der USA empfängt jede Woche 40.000 Besucher, Tendenz steigend. Die Gläubigenschar wächst jedes Jahr um 30 Prozent. Das Erfolgsgeheimnis: Entertainment statt Rituale, Gruppeneuphorie statt Beichtstuhl und High-Tech statt Weihrauch.

Der Priester der Lakewood Church ist auch kein studierter Theologe. Er zeichnet sich durch Rockstar-Qualitäten aus. Wenn Joel Osteen auf der Kanzel steht und mal singend, mal predigend auf seine Schützlinge einredet, verfällt sein Gotteshaus in eine Massentrance. "Du musst dich anpassen, was die Musik, die Botschaft und die Art, sie zu repräsentieren betrifft: Sonst kommen die Leute nicht" , meint Osteen.

Modern ist auch der Kirchenshop der Lakewood Church. Gleich am Eingang stapeln sich rechts und links ein Dutzend Bücher, die Joel Osteen selbst geschrieben hat. Die Auflage geht ins Millionenfache. "Es ist in Ordnung für Geld und Wohlstand zu beten" , sagt der geschäftstüchtige Pastor. Und er geht selbst mit gutem Beispiel voran. "Wir bekommen oft Geld nach dem Gottesdienst, um uns im Shop etwas kaufen zu können" , schwärmt ein kleiner Junge.

Der Renner der diesjährigen Weihnachtssaison ist die Actionfigur "Bibleman" . Bei den Erwachsenen finden Schmuck und bibelnahe Heimdekorationen reißenden Absatz. Mitbringsel statt Klingelbeutel, das Geschäft boomt: Die Hersteller religiöser Konsumgüter verzeichnen jährliche Zuwachsraten von bis zu 14 Prozent.

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" , warnte Jesus dereinst seine Jünger in der Bergpredigt. Amerikaner sehen das anders. In der neuen Welt gibt es kaum etwas Lukrativeres als die Religion. Die Zielgruppe ist riesig: 90 Prozent der US-Bevölkerung glauben an Gott, 60 Prozent an die biblische Erschaffung der Erde. In geschäftlichen Angelegenheiten greift sich die Industrie gegenseitig unter die Arme. Für den Filmstart von Mel Gibsons "Passion Christi" etwa orchestrierten die US-Christen eine ausgefeilte Marketingkampagne: Der Streifen realisierte das drittbeste Einspielergebnis aller Zeiten. Und auch Washington hatte ein tiefgläubiges Aushängeschild: George W. Bush war die beste Gratiswerbung, die sich christliche Wirtschaftsbosse wünschen konnten. Sie bedankten sich beim Präsidenten und seiner Partei mit barer Münze.

Arlington, im US-Bundesstaat Virginia. Hier befindet sich der Hauptsitz von Salem Communications. Das Medienkonglomerat spendetet bei der Wahl 2004 gleich 100.000 Dollar an die Republikaner. Für das Management war es ein Griff in die Portokasse, denn sie produzieren christliche Inhalte für Internet, Magazine, TV und Radio. Allein die Hörfunkprogramme verkaufen sich an 1900 Stationen. Quote bringt Geld. Die Einnahmen von Salem haben sich seit dem Jahrtausendwechsel fast verdoppelt.

Kein Kapitalismus ohne Sozialkomponente: Auch die Lakewood Church hält sich daran. Ihre religiöse Schule nimmt auch Kinder aus atheistischen Problemfamilien auf. Die Erwachsenen können ebenfalls jederzeit anklopfen, wenn sie sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, oder es erst gar nicht dazu kommen lassen wollen. Mit dem allwöchentlichen "Training für angehende Millionäre" zielt die Lakewood Church darauf ab, dem uramerikanischen Schuldenproblem den Garaus machen. "90 Prozent derjenigen, die unserem Plan folgen, sind nach fünf Jahren raus aus den Miesen" , versichert der Seminarleiter, "Und noch einmal 15 Jahre später sind sie Millionäre!"

Reich werden mit Gott: Die Strategie scheint zu funktionieren. Die Lakewood Church kennt keine Rezession. Dieses Jahr werden ihr wahrscheinlich erneut 70 Millionen Dollar an Spenden von ihren Mitgliedern zufließen. (Beatrice Uerlings aus Houston, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2008)