Gerard Mortier konnte man vieles vorwerfen, darunter den Hang zur Provokation um ihrer selbst willen. Doch der Belgier brannte für die Salzburger Festspiele und verfolgte seine Mission der Erneuerung permanent. Sein Nachfolger Peter Ruzicka ging die Sache nicht nur introvertierter an. Ihm schienen die Nebenbeschäftigungen mehr Spaß zu machen, als das Festival zu repräsentieren: Er komponierte - und er konzipierte die Münchner Biennale.

Die Devolution vom Vollblutintendanten zum Saisonnier erreichte nun ihren Höhepunkt: Jürgen Flimm, der Tausendsassa, betreute 2007, in seinem ersten Jahr, nebenbei die Ruhrtriennale. Er wäre gerne deren Chef geblieben, das Festspielkuratorium aber untersagte ihm dies mit dem Hinweis, dass Salzburg die Stätte seines Wirkens zu sein habe.

Flimm, bis Herbst 2011 unter Vertrag, juckt das wenig: Ab Jänner 2009 will er der Berliner Staatsoper als Berater zur Verfügung stehen, um diese 2010 zu übernehmen. Obwohl er in Salzburg inszeniert und neben der Oper das Schauspiel programmiert. Denn er hatte Theaterdirektor Thomas Oberender zum Abgang 2009 gedrängt: Er unterstellte ihm, hinterrücks um Bochum verhandelt zu haben. Doch Flimm, der Schelm, war es, der doppeltes Spiel trieb: Bereits vor zwei Monaten führte er Gespräche wegen Berlin.

Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es. Zumal ansonsten die Gefahr droht, dass Flimm in Salzburg verbrannte Erde hinterlässt. Und ohne ihn würde Oberender, der kluge Kopf, vielleicht doch bleiben können wollen. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 24.-26. 12. 2008)