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Französische Cognac-Weinbauer treiben ihre Fässer auf neue Märkte - aber auf Investitionen aus Russland reagieren sie allergisch.

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Cognac: Altherrengetränk, von Neureichen neuentdeckt.

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Jahrelang profitierten die französischen Cognac-Winzer vom Exportboom in die aufstrebenden Märkte. Jetzt wendet sich das Blatt: Russische Investoren beginnen die Rebberge reihenweise aufzukaufen

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Ein Altherrengetränk, das im großen Schwenker ein gutes Diner krönt oder am Kaminfeuer zur Zigarre genossen wird: Das stellt man sich in Europa noch heute unter einem guten Cognac vor. Aber nur in Europa. In den beiden anderen Hauptabsatzmärkten, Asien und Nordamerika, ist der französische Weinbrand heute ein Modegetränk - Statussymbol einer aufstrebenden urbanen Elite. In den New Yorker Discos rappen schwarze Musiker Hits wie "Pass the Courvoisier" und heben sich damit von den vorwiegend weißen Whiskey-Trinkern ab; in den Trendbars von Schanghai oder Moskau lassen neureiche Partypeople Eiswürfel in ihrem Rémy Martin oder Hennessy klingeln.

Dank dieser Neuausrichtung hat der altehrwürdige Cognac in den letzten Jahren einen globalen Verkaufsboom erlebt. Unter den sechs ersten Exportländern der Branche befinden sich heute neben England und Deutschland die vier neuen Märkte USA, Singapur, China und Russland. Die Finanzkrise geht zwar nicht spurlos vorbei - in den vergangenen zwölf Monaten ist der Cognac-Konsum wegen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise um 6,6 Prozent gesunken, wie das "Bureau National Interprofessionnel du Cognac" (BNIC) mitteilte -, doch Länder wie Russland, wo der Cognac-Verkauf binnen Jahresfrist um mehr als 15 Prozent anstieg, federn diesen Knick ab.

"Übelriechendes russisches Geld"

Die Russen müssten also in der Cognac-Anbaugegend in der westfranzösischen Charente besonders beliebt sein. Sind sie aber nicht. Glaubt man der französischen Presse, wecken sie "Misstrauen" und "Verdacht" . Der seit dem Jahrtausendwechsel um 600 Prozent gestiegene Cognac-Absatz in Russland hat eine unangenehme Folge: Immer mehr russische Geschäftsleute entdecken das Cognac-Anbaugebiet hundert Kilometer nördlich von Bordeaux als Renditeobjekt und kaufen dort Weinberge, Handelshäuser und Markennamen. Und "das russische Geld soll übel riechen" , wie Le Monde wenig präzis, aber überdeutlich schreibt.

Den Beginn hatte 2004 der russische Spirituosenhersteller KiN 2004 gemacht, als er in Touzac 32Hektar des "Domaine des Broix" kaufte. Zwei Jahre später doppelte das Moskauer Unternehmen MVZ mit dem Aufkauf der kleinen Cognac-Marke Jenssen in Bonneuil, ebenfalls unweit des Städtchens Cognac, nach. Dann erwarb der russische Metallindustriemagnat Wadim Warchawski die Marke Croizet-Eymard. Zum Ziel setzte er sich, den Umsatz dieses traditionsreichen, in bester Lage gelegenen Cognacs in zwei Jahren mehr als zu verdoppeln.

"Seriosität von Generationen"

Das überfordert die Charente-Bauern, die seit dem 17.Jahrhundert Branntwein herstellen und ihn jahrelang in Eichenfässern lagern - VSOP zum Beispiel vier, XO sogar mehr als sechs Jahre lang. "Cognac ist ein geschütztes AOC-Label" , erklärt Courvoisier-Manager Jean-Marc Olivier mit Nachdruck. "Sein Erfolg beruht auf dem Savoir-faire und der Seriosität mehrerer Generationen."

Soll das besagen, dass die russischen Investoren unseriös handeln? Die 20.000 Einwohner von Cognac würden sich nicht so klar ausdrücken - zumindest nicht offiziell. BNIC-Sprecherin Marie-Véronique Chalas räumt ein, in der Branche herrsche "Beunruhigung" , fügt aber gleich hinzu, diese sei "mäßig". Vor vierzig Jahren hätten schließlich auch schon Kanadier in Cognac-Marken investiert, später die Japaner. Diese Investoren passten sich allerdings dem geruhsamen Rhythmus der Charente und der Cognac-Produktion selbst an. Die Russen wünschen schnelle Rendite. Warchawski meinte schon 2007 gegenüber einer russischen Zeitung: "Die Franzosen sind zu langsam. Sie studieren die Verträge ein halbes Jahr lang und verbringen ihre Zeit lieber in den Restaurants."

Die Weinbrandwinzer haben aber ihre Gründe, die Verträge mit den russischen Multimillionären genau zu prüfen. In Russland ist "Koniak" keine geschützte Markenbezeichnung. Darunter fällt etwa auch der billig importierte Brandy aus Armenien, der in Russland in großen Mengen getrunken wird. Viele Cognac-Winzer befürchten, dass mit ihren Edeltropfen Missbrauch getrieben wird. Im Klartext: Etikettenschwindel.

Vor einem Jahr stellte der französische Zoll zufällig 54.000 leere Flaschenetuis mit der Aufschrift "Cognac" und "made in France" sicher. Ihr Empfänger war laut französischen Polizeiangaben die russische Firma Aroma, die unlängst ein Cognac-Handelshaus für rund fünf Millionen Euro erworben hatte. Sollte damit Billigfusel von irgendwoher elegant auf Französisch verkleidet werden? Sogar die Renseignements Généraux, der französische Inlandsgeheimdienst, befasste sich am Anfang des Jahres mit dieser Affäre, konnte sie aber nicht aufklären.

Auf jeden Fall wirkt die einst so friedliche Cognac-Gegend wie aufgeschreckt. Gegenmaßnahmen werden geprüft. Der BNIC tüftelt an einem neuen Stempel, der die Cognac-Etiketten zieren soll. Aber auch dieses Echtheitszertifikat böte keine Garantie gegen Missbräuche. Diese bilden eben die Kehrseite des globalisierten Erfolgs, den Napoleons einstiger Schlummertrunk heute bei US-Rappern und Wodkatrinkern hat. (Stefan Brändle, Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.12.2008)