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Intendant Martin Heller mag es multilingual: In Linz sind fremdsprachige Ortstafeln (im Bild: Tamil) dank des Kulturhauptstadt-Projekts "kommen und gehen" kein Problem - zumindest im kommenden Jahr.

 

 

Foto: APA/Ziegler

Stress sieht anders aus. Martin Heller gibt sich, wenige Tage bevor über Linz das europäische Kulturhauptstadtjahr hereinbricht, betont ruhig. Auch wenn der Terminkalender mit Pressekonferenzen gespickt ist, strahlt der Intendant bei den zahlreichen Auftritten stets Schweizer Gelassenheit aus - und das vor der Kulisse einer Landeshauptstadt im kulturellen Lampenfieber.

Bereits an den wichtigsten Stadteinfahrten wird Ortsunkundigen schnell klar, dass 2009 vieles anders sein wird. Was andernorts ein politischer Dauerbrenner ist, dürfte in Linz kein Problem sein: mehrsprachige Ortstafeln - an 18 Stadteinfahrten werden im Rahmen des Projekts "kommen und gehen" von Social Impact Linz-Tafeln in 36 verschiedenen Schriftsystemen aufgestellt. Für das Vorhaben wurden unter anderem Tibetisch, Birmanisch, Georgisch, Arabisch, Hebräisch und Griechisch ausgewählt. "Den Unterschied gegenüber dem normalen Alltag", diese von Heller formulierte Absicht, werde durch die Ortstafeln dem Besucher gleich sichtbar gemacht.

Ein architektonisches Wahrzeichen der Kulturhauptstadt, wie es etwa Graz 2003 mit dem neuen Kunsthaus geschaffen hat, gibt es in Linz jedoch nicht. Vielmehr ging von Linz09 der Impuls aus, (zum Teil längst überfällige) Kulturinvestitionen zu tätigen. 250 Millionen Euro gibt es nun vom Land für den Neubau des Südflügels des Linzer Schlossmuseums, den Bau des neuen Musiktheaters und die Erweiterung des Ars Electronica Centers (AEC). Allerdings wird einzig das AEC zu Beginn des Hauptstadtjahres fertig sein.

Doch nicht nur diese Tatsache sorgte für kritische Stimmen. Vor allem die freie Szene fühlt sich von der Linz09-Intendanz nicht gehört. Als Konsequenz darauf entschied das Theater Phönix, nicht am Programm teilzunehmen. Im Jänner will die Initiative Linz0nein ein eigenes Programmbuch veröffentlichen, "Inhalt werden all jene von Linz09 abgelehnten oder zurückgezogene Projektideen sein".

Rund 1500 Vorschläge erhielt Martin Heller. "Nur" 220 davon werden verwirklicht. Nervosität und Enttäuschung während des Entstehens des Programms gehören somit dazu, nahm der Intendant die Angriffe der freien Szene zur Kenntnis.

Anfang Dezember zog er noch den Unmut der katholischen Kirche auf sich. Denn für Linz09 wurde der diesjährige Advent zum Countdown für das Kulturhauptstadtjahr. Daher endet der Advent nicht wie üblich zu Weihnachten, sondern erst zu Silvester. Und somit hat der Kranz unchristliche fünf Kerzen.

In "freudiger Erwartung"

Dennoch glaubt Heller bei den Linzern grundsätzlich eine "gespannte, freudige Erwartung" zu spüren. Dieses Gefühl lasse sich auch mit Zahlen belegen: So seien innerhalb weniger Tage 2275 "Insider-Cards" (Vorteilskarten für Einheimische) verkauft worden. Von 68-Millionen-Euro-Budget für die europäische Kulturhauptstadt fließen 42 Millionen Euro in das Programm. Die Sparte Musik erhält mit 8,3 Millionen Euro den größten Betrag. Entsprechend hoch klingt das Ziel, das sich die Intendanz gesetzt hat. Im musikalischen Bereich soll Linz "akustische Modellstadt Europas werden".

Peter Androsch will mit seiner "Hörstadt" einen "demokratischen und menschenverträglichen öffentlichen akustischen Raum" kreieren. Die Kampagne gegen Zwangsbeschallung ist bereits angelaufen, der vorweihnachtliche "Zwangsbeschaller 08" - die Linzer Filiale des Modediskonters "Pimkie" - bereits gekürt. Bis Herbst 2009 wird es noch zwei öffentliche Ruhepole im ehemaligen Centralkino und im Linzer Mariendom geben.

Wunderbar durchs Kulturjahr

Weiterer Schwerpunkt im Programm: "Theaterlust". Airan Berg, Leiter des Bereichs darstellende Kunst, der mit 7,7 Millionen Euro den zweitgrößten Anteil des Budgets erhielt, präsentiert eine Mischung aus Gastspielen, Eigenproduktionen und Auftragswerken (siehe Artikel unten). Mega-Events werde es jedoch keine geben, denn Heller versteht Linz09 "als Teil eines Entwicklungsprozesses, eine Stadt im Aufbruch, die nach neuen Zielen sucht" - weg von der seit Jahrzehnten dominierenden Industrie, hin zu mehr Kultur.

Aber bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme: Ganz ohne Event geht es eben dann doch nicht. Zu Silvester beginnt das Eröffnungsspektakel (siehe Kasten). Tagelang wird das europäische Kulturhauptstadtjahr begrüßt, von dem sich Heller vor allem wünscht, dass "die Menschen hier nachher sagen: Es war ein wunderbares Jahr." (Kerstin Scheller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.12.2008)