Egon Schiele: "Sonnenblumen"  (1908).

Foto: Böttcher

St. Pölten - "Eine Landschaft fiel uns besonders auf, sie erinnerte sowohl farbig als auch in der Auffassung stark an Klimt. Der sechzehnjährige Kunstjünger hatte noch nie etwas von Klimt gehört, auch nichts gesehen, er hatte nur aufgehorcht, als er erstmalig diesen Namen hörte" , schreibt Ludwig Karl Strauch über seinen Schüler Schiele. Damit möchte er "auf die innere Verwandtschaft seines Kunstschaffens mit Klimt als naturgegeben hinweisen" .

Ein Brief, der gemeinsam mit 45 Werken des jungen Schiele interessante Lichter auf "Das Werden eines Künstlers" wirft. Das Niederösterreichische Landesmuseum in St. Pölten öffnet mit dieser Ausstellung ihr Schiele-Schatzkistlein, das Rupert Feuchtmüller in den 1950erJahren zu füllen begann - zum Glück, denn bereits in den 1970ern waren Schiele-Arbeiten kaum mehr erschwinglich.

Der frühe Schiele soll nicht als Wunderkind mythisiert werden, die präsentierten Beispiele sind aber im Hinblick auf frühe Meisterschaft und kurze Schaffenszeit aufschlussreich. Trotz Schieles Zeichenmanie sind nur wenige Blätter aus der Kinderzeit erhalten. Es heißt, sein Vater hätte das Talent seines Sohnes weniger abgelehnt, als dass er verzweifelt - er hatte noch drei Töchter - wünschte, sein einziger Sohn möge einen technischen Brotberuf erlernen. Stattdessen tapezierte Egon von klein auf das elterliche Haus mit Zeichnungen von Eisenbahnen, Geleisen, Signalanlagen ...

Durch Europa bei Nacht heißt so eine faszinierende, vom Jugendstil geprägte, aquarellierte Tuschezeichnung des inzwischen 16-Jährigen. Die Dramatik der Stimmung - die Lichtkegel durchbohren das Dunkel geradezu - dokumentiert seine Leidenschaft. Mit der eigenen Mobilität, 1906 kam er an die Wiener Akademie, scheint sich diese Begeisterung allerdings zu verlieren.

Professor Christian Griepenkerl hatte andere Motive für den "unpassenden Schüler aller Schulen" , wie Egon Schiele sich rückblickend selbst beschrieb, vorgesehen. Griepenkerls Ausspruch "Sie? Sie hat der Deubel in meine Schule gebracht" überlieferte der Sammler Arthur Rössler ebenso wie Klimts Äußerung "Wozu wollen Sie mit mir Blätter tauschen? Sie zeichnen ja eh besser als ich" . Schieles Verbundenheit mit dem Kollegen - "Ich bin durch Klimt gegangen" - blieb dennoch: Im Jänner 1918 zeichnete er ihn als Letzter, aufgebahrt in der Prosektur.

Neben einer Reihe braver Stillleben von Melonen und Muscheln zeigt man im Landesmuseum auch einige vorausweisende Blätter, darunter eine an japanischen Holzschnitten orientierte Tuschezeichnung (1906) oder die an Munch gemahnende, durch Rötelkreide geradezu unheimlich glühende Mutter mit Kind (1908). Irritierend im ersten Moment Schieles kleine Ölskizze mit Sonnenblumen (1908): Leidendere, schmerzlich-traurigere Sonnenblumen waren nie. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.12.2008)