Vor fast neun Jahren erkrankte Elfriede H. (75) an Morbus Alzheimer, heute lebt sie im "Haus der Barmherzigkeit" in Wien. Ihr 81-jähriger Ehemann Franz besucht sie jeden Tag.

Foto: Christian Fischer

Wien - Elfriede H. freut sich gar nicht, uns zu sehen. Im Gegenteil: Sie runzelt die Stirn, ergreift nur widerstrebend die dargebotene Hand und murmelt Unverständliches. Mühsam presst sie etwas hervor, das klingt wie "Weggehen". Franz, ihr Ehemann, streicht ihr übers weißblonde, schön frisierte Haar und sagt nur: "Aber geh, die sind ja grad erst gekommen." Erst allmählich entspannt sich die 75-Jährige in ihrem Rollstuhl, nun starrt sie unbewegt in den Fernseher. Franz tätschelt ihre Hand und sagt: "Sie kriegt das alles nicht mehr so mit."

"Das alles" umfasst, was Elfriedes Leben früher ausmachte: Kochen, im Garten arbeiten, Kinder und Enkel umsorgen, reisen, mit Franz ab und zu das Tanzbein schwingen.

Doch seit Februar 2000 ist nichts mehr so wie früher. Damals kam Elfriede ins Spital, weil sie Schmerzen im Bauch hatte, und einige Tage später erkannten sie ihre engsten Angehörigen nicht mehr wieder: Elfriede schlug um sich, biss Schwestern und Pfleger, attackierte Patientinnen. Einen "Schub" nannten die Ärzte das, die lapidare Diagnose lautete "Morbus Alzheimer".

Diese Diagnose teilen rund 70.000 Österreicher mit Elfriede - dazu kommen noch rund 30.000, die an anderen Formen der Demenz leiden. 24.000 Neuerkrankungen kommen pro Jahr dazu, davon allein 12.000 in Wien. Aktuelle Prognosen sprechen von einer Viertelmillion demenzkranker Österreicher im Jahr 2040. "Das ist nicht einmal hoch gegriffen, wenn man bedenkt, dass es dann fast drei Millionen über 60-Jährige gibt", sagt Christoph Gisinger, Ärztlicher Leiter des "Hauses der Barmherzigkeit" in der Seeböckgasse in Wien-Hernals. In den neu erbauten, freundlich-hellen und modernen Räumlichkeiten werden mobile, noch nicht so stark erkrankte Patienten betreut, es gibt aber auch Pflegezimmer für die schwereren und die ganz schweren Fälle.

Alles hier ist auf Menschen ausgerichtet, die sich an die einfachsten Dinge nicht mehr erinnern, die ihren krankheitsbedingten Bewegungsdrang ausleben müssen oder auch nur teilnahmslos dasitzen. Patienten in Rollstühlen harken auf der geräumigen Dachterrasse stundenlang in einem Blumen-Hochbeet, andere wiederum malen Fensterglasbilder, es gibt sogar eine Englischkurs-Gruppe. Die Patienten sind ehemalige Ärztinnen, Rechtsanwälte, Postler, Maurer, Landwirte, Kindergärtnerinnen - und mitten darunter Elfriede.

Als Elfriede im März 2000 aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte Franz die wilde Hoffnung, dass "alles" wieder gut würde. Der agile 81-Jährige stand ihr zur Seite, kümmerte sich, lernte kochen - und das war gut so. Denn mit der Zeit fiel Franz auf, dass seine Frau die selbstverständlichsten Dinge vergaß - etwa dass sie die Suppe fünf Minuten zuvor bereits gesalzen hatte. Wenn er sie darauf aufmerksam machte, wurde sie wütend - "richtig aggressiv war sie dann, sie hat mich sogar angegriffen", erzählt Franz. Immer fremder und befremdlicher sei Elfriede geworden. Die Frau, mit der er seit 56 Jahren verheiratet ist ("eine gute Ehe", sagt Franz), habe ihn weggestoßen: "Man will helfen, aber man kann es nicht."

Immer war er an ihrer Seite, er gönnte sich keinen Urlaub, führte sie heim, wenn sie sich verirrte, erklärte und beschwichtigte, wenn sie wahllos Passanten beschimpfte. Eines Tages sagte Elfriedes Arzt zu ihm: "Sie bringen Ihre Frau jetzt ins Heim, sonst müssen wir Sie irgendwohin bringen." Da ist sie nun, im "Haus der Barmherzigkeit", und es wäre glatt gelogen zu behaupten, dass nun alles besser wäre. "Sie baut immer mehr ab", sagt Franz. Die Hoffnung auf eine Pille, die ihm die alte Elfriede zurückbringt, hat Franz längst aufgegeben. Im Haus der Barmherzigkeit wird Elfriede immerhin gut versorgt, das beruhigt ihren Mann.

Andreas Winkler hat Verständnis für Franz' Hoffnungslosigkeit - teilen kann er sie nicht. Winkler ist Primarius der Abteilung für Geriatrie und Rehabilitation im Haus der Barmherzigkeit und von Berufs wegen Optimist: "In einigen Jahren wird es ein Medikament geben, das die Krankheit zumindest stoppen kann", ist er überzeugt. Die Forschungen in diesem Bereich seien vielversprechend. Doch inzwischen wäre er schon zufrieden, wenn die Patienten früher kämen: "Erst wenn sie Gedächtnislücken oder Verhaltensauffälligkeiten haben, sind sie bereit für einen Arzt."

Einfacher Test

Dabei ist die Erst-Feststellung einer möglichen Demenzerkrankung denkbar einfach - zirka fünf Minuten dauert der "Mini Mental State" Test, bei dem der Arzt dem Patienten drei Begriffe sagt, ihn dann auffordert, eine Uhr zu zeichnen und darauf eine bestimmte Uhrzeit einzutragen - und danach den Patienten bittet, die drei Begriffe zu wiederholen. Die Kassen bezahlen die Untersuchung nicht - ein möglicher Grund, warum ihn nur wenige Ärzte durchführen.

Die Stadt Wien bietet den Test beim Psychosozialen Dienst und in den "Memory-Kliniken" in einigen Krankenhäusern an (siehe Kasten).

Frau J. ist davon überzeugt, dass sie den Zustand ihres Mannes relativ früh erkannt hat. "Wir waren in der Steiermark auf Urlaub, in einer Gegend, die er gut kennt. Wir fuhren mit dem Auto, und ich musste ihm plötzlich jeden Weg ansagen." Da habe sie gewusst, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmte. Frau J. rührt entschlossen in ihrer Kaffeetasse. Sie mache sich nicht gerne etwas vor, sagt sie.

Frau J. wollte sich nicht zu Hause mit uns treffen. Ihr Mann soll nicht mitbekommen, dass sie über ihn redet. Die Diagnose sei zwar "traurig" gewesen, erzählt Frau J., aber sie habe sich "darauf eingestellt". Darauf dass Herr J. alle fünf Minuten die gleichen Fragen stellt - und sogar darauf, dass er neuerdings einer Nachbarin Avancen macht.

Was sie nicht erträgt, ist seine nachlässige Einstellung zur Körperpflege. "Wenn er nicht duschen will, werd ich richtig hysterisch", sagt Frau J., dabei sei ihr Mann doch immer so ein "Fescher, Gepflegter" gewesen.

Für die Wiener Stadtverwaltung stellen Demenz und Alzheimer in den kommenden Jahrzehnten eine besondere Herausforderung dar. Mittlerweile gibt es drei Tageszentren für Demenzkranke, die Gedächtnis- und Bewegungstraining, Ergo- und Beschäftigungstherapie anbieten. Neben der Betreuung in Pflege- und Seniorenheimen gibt es mittlerweile auch drei WGs für Demenzkranke, bald sollen es noch mehr werden.

Fachhochschule für Pflege

"Haus der Barmherzigkeit"-Chef Gisinger hat auch ein großes Projekt auf seiner Agenda: eine eigene Fachhochschule für Pflegeberufe, an der der Umgang mit Demenzkranken ein eigener Spezialzweig wäre. Das hält die Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely aber nicht für notwendig: In der Ausbildung für Pflege- und Pflegehilfskräfte werde der Umgang mit Demenzpatienten und deren Angehörigen bereits berücksichtigt.

Frau J. hat Freunde und Bekannte noch nicht in den Zustand ihres Mannes "eingeweiht": "Das ist nicht nötig, so krank ist er nicht", sagt Frau J. bestimmt. Viele Angehörige reagieren so auf die Krankheit. Sie versuchen auszugleichen, zu überspielen, zu verschleiern - und machen damit die Situation, vor allem für sich selbst, noch schwieriger. Oft dauert es Jahre, bis Angehörige selbst psychologische Hilfe annehmen. Auch Frau J. sagt: "Ich brauche das nicht, ich komme gut zurecht." Sie habe immer ihre Freiräume gehabt, "die habe ich auch heute". Ihr Mann "lasse" sie problemlos aus dem Haus, wenn sie sich mit Freundinnen treffen wolle - nur die Hausbetreuerin erzählt, dass er immer am Fenster stehe und sie suche.

Freiräume hätte Elfriedes Ehemann Franz mittlerweile - doch er will sie nicht. Franz hat sich in den Kopf gesetzt, Elfriede jeden Tag im Haus der Barmherzigkeit zu besuchen. Im Aufenthaltsraum sieht er andere Patienten, die "dasitzen wie die armen Sünder, und kein Angehöriger kümmert sich um sie" - das wolle er für Elfriede nicht. Ob sie seine Fürsorge noch schätzen kann, weiß Franz nicht. "Aber manchmal, wenn ich sie anziehe und dabei an mich drücke, schaut sie mich an. Dann weiß ich, ich will so lange leben, wie sie lebt." (Petra Stuiber; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2008)