Sandhya Mulchandani, Vorwort von Sudhir Kakar, "Kamasutra". € 205,- / 320 Seiten.

Collection Rolf Heyne, München 2008

 

 

Collection Rolf Heyne

Allein das Öffnen dieser bibliophilen Ausnahmeerscheinung mit dem klingenden Titel "Kamasutra" gleicht einem sinnlichen Akt. Es bedarf der Öffnung eines grünen Seidenbandes und der Entblätterung einer mit feiner changierender Seide umschlossenen Schachtel, um an das violette, seidene Buch mit Goldprägung zu gelangen. Im Inneren der Ausgabe erschließt sich eine sorgsam ausgewählte und von der indischen Schriftstellerin und Soziologin Sandhya Mulchandani kommentierte Ausgabe des Klassikers der Erotik.

Was aber rechtfertigt heute, im 21. Jahrhundert die Neuauflage des Kamasutra? Was ist zeitgemäß, was ist relevant? Fälschlicherweise wird das Kamasutra schlicht mit bizarren Sexualpraktiken und unterschiedlichen Stellungen konnotiert. Während der Lektüre des Bandes wird aber klar, dass diese Reduktion unzutreffend ist. In Wahrheit geht es um ein durchwegs modernes Miteinander im zwischenmenschlichen Zusammensein. Thesen kreisen um gegenseitiges Verständnis, amouröse Avancen, um Moral, Zugeständnisse und Privilegien, naturgemäß auch um den Themenkreis sexueller Vereinigung. Das Buch illustriert facettenreich die Priorität der Langsamkeit, des Vorspiels, des Wechselspiels in humanen Beziehungen.

Gerade die feine, sinnliche Aufmachung, die sorgfältige Auswahl historischer Darstellungen, in Komposition von Text und Bild, stellt einen Kontrapunkt zur heutigen, schnelllebigen westlichen Gesellschaft dar. Im Überfluss, in der Überfrachtung mit öffentlicher Nacktheit, in der optischen Reizüberflutung mittels erotischer, pornografischer Eindrücke durch unsere Medienlandschaft mit expliziten Pornokanälen, Sex-Hotlines und -Shops, bis hin zur Sexualisierung des Alltags stellt dieses Buch einen diametralen Widerpart dar. Das Kamasutra als subtiler Wegweiser zur Rück-Besinnung, sich, ohne Beihilfe von Videos, Vibratoren, Dildos, diversen Sextoys, einfach miteinander zu befassen, aufeinander einzugehen. Ein exzentrisch anmutender Ansatz, rechtzeitig zum "Fest der Liebe": ein Liebhaberstück. (Gregor Auenhammer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.12.2008)