Viele meiner Leserinnen und Leser wissen, dass ich mich heute noch mit den 1960er- Jahren identifiziere: mit ihren Rebellionen und Reformen. Trotz mancher Irrwege ist 1968 ein Symbol für den Widerstand gegen erstarrte Politik und veraltete Lebensformen geblieben.

Jetzt stehen wir wieder am Ende eines Achter-Jahres. Es hat mehr Horror als Freude gebracht. Vor Weihnachten hat der Konsum zwar geboomt wie blöd. Und im Gegensatz dazu haben viele Medien nach dem Prinzip "Mann beißt Hund" die Schatten der Krise stärker verdunkelt als nötig. Trotzdem: Der Abschwung ist da, das Fest ist zu Ende.

2008 wurde das Jahr der Finanz- und Wirtschaftskrise. Und wir wissen noch nicht - erholt sich die Wirtschaft ab Juli wieder, oder sackt das Ganze noch mehr ab. Vor allem dann, wenn neue Pyramidenspiele entdeckt werden sollten.

Der völlig freie Markt: Eine Illusion

Zwar wird und soll es nicht zu einer Renaissance des Staates als Unternehmer kommen. Aber die demokratische Republik als Regelsetzer und Kontrolleur ist wieder gefragt. Der Glaube in den völlig freien Markt ist eine Illusion. Die Zahl der potenziellen Gauner ist zu groß.

Also ist 2008 nicht ganz unerwartet (denken Sie an die Thesen von Naomi Klein) wieder einmal ein Schlüsseljahr geworden. Weil wir gezwungen sind, die neo- liberale Ideologie zugunsten von Keynes zu korrigieren. Wie schnell doch neoliberale Flaggenhisser wie zum Beispiel Wolfgang Schüssel ihre Ego-Fahne nach dem Winde zu drehen suchten.

Der Achter hat's überhaupt in sich. Rudolf Taschner, der bekannte Wiener Mathematik-Populist, hat in der Zeit-Schrift Was für Zeiten zum Thema "8-ung" die Symbolkraft der 8 hervorgehoben. Es gibt sie im Makrokosmos. Er ist von acht himmlischen Sphären geprägt. Im Mikrokosmos taucht die Acht erneut auf: Im Reich der Atome und bei der Familie der Elementarteilchen. Nicht zuletzt verweist die liegende Acht auf die Unendlichkeit.

Bei Johann Nestroy gerät der Kosmos ins Wanken. Je wackeliger die Darsteller werden, desto öfter sehen sie den Kometen (und damit das unvermeidliche Schicksal) am Horizont. Jetzt, wenige Tage vor Silvester, kippt so mancher mehr Achterln hinunter, als ihm gut tut. Und die Räder dieser Welt kriegen einen Achter.

"Blutinfusionen"

Nestroys "Freiheit in Krähwinkel" bezieht sich auf die bürgerliche Revolution von 1848 und ist eines der wenigen sehr politischen Dramen der österreichischen Literaturgeschichte. Die in diesen nicht immer lustigen Komödien vorherrschende Mentalität kommt der momentanen Stimmungslage ziemlich nahe. "Es kommt wie es kommt."

Eine Spekulation: Vielleicht gibt es gerade deshalb in der eben installierten Bundesregierung ein eklatantes Übergewicht an Ministern aus dem Osten, namentlich aus den Weinbau-Gebieten.

"Es wird a Wein sein. Und wir werden nimmer sein." Dem Horror der Krise wird Gleichmut entgegengesetzt. Deshalb auch der sprachliche Unterschied. Barack Obama spricht von "Blutinfusionen". Unsere Führung redet vom "Löschen". Damit bekämpft man das Feuer, aber auch den Durst. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2008)