Sabine Haag setzt zu Beginn ein Zeichen: Statt zu einem Neujahrsempfang für Freunde und Diplomaten lädt sie am 24. Jänner zu einem Open House mit 170 Programmpunkten und DJ-Lounge ein.

Zur Person:
Sabine Haag, 1962 in Bregenz geboren, studierte Anglistik und Kunstgeschichte. 1990 begann sie als Kuratorin in der Kunstkammer des KHM. 2007 wurde die dreifache Mutter zur Direktorin der Kunstkammer und der Schatzkammer ernannt, im Juni 2008 zur KHM-Generaldirektorin ab 2009.

 

 

Foto: STANDARD/Hendrich

Im Gespräch mit Thomas Trenkler plädiert Sabine Haag für eine unterirdische Erweiterung.


Standard: Sie übernehmen das KHM in wirtschaftlich turbulenten Zeiten. Die Bilanz 2007 wies, wie im Kulturbericht nachzulesen ist, einen Jahresfehlbetrag von 2,36 Millionen Euro aus. Wie werden Sie 2009 über die Runden kommen?

Haag: Wir brauchen eine Erhöhung der Basisabgeltung. Ohne sie wird es nicht gehen. Der Budgetplan 2009 wurde bisher nicht abgesegnet, weil ein Defizit von zwei Millionen Euro zu erwarten ist.

Standard: Ist auch Ihr Haus von der Finanzkrise betroffen? Müssen Sie mit einem Besucher- und daher Einnahmenrückgang rechnen?

Haag: Wir rechnen mit einem Besucherrückgang aufgrund des zu erwartenden Tourismusrückgangs. 75 Prozent der KHM-Besucher sind eben Touristen. Auf der anderen Seite ist das KHM mit seinen reichhaltigen Beständen weniger von Sonderausstellungen abhängig als andere Häuser. Mein Bestreben ist es, die Sammlungen in den Mittelpunkt zu rücken. Das KHM könnte daher richtungweisend sein.

Standard: Wilfried Seipel, Ihr Vorgänger, hat bewusst auf Sonderausstellungen gesetzt. Ist das nun Ihre Antwort auf Seipel - oder auf die baulichen Unzulänglichkeiten? Es gibt ja bis dato keine wirklichen Räume für Sonderausstellungen.

Haag: Die Zeiten der Mega-Blockbuster-Ausstellungen sind sicher vorbei, wir können sie uns nicht mehr leisten: Die Versicherungswerte sind explodiert, die Kosten für den Transport haben astronomische Höhen erreicht. Natürlich wird es weiterhin große Ausstellungen geben, aber unser Haus soll sich nicht mehr vornehmlich über diese definieren. Es kann nicht immer um Quantität gehen. Mein Programm wird daher eine Mischung aus prestigeträchtigen Publikumsausstellungen - 2009 zum Beispiel zu Karl dem Kühnen - und kleineren Studioausstellungen sein. Mir schweben auch Ausstellungen vor, die ein bisschen mehr die Breite der wissenschaftlichen Tätigkeit repräsentieren. Die Frage der Sonderausstellungsflächen bleibt zunächst leider ungelöst.

Standard: Seipel schlug vor, den zweiten Innenhof zu überdachen.

Haag: Ich plädiere für eine größere Lösung und favorisierte die Untergrabung des Maria-Theresien-Platzes. Damit ließen sich auch viele infrastrukturelle Probleme lösen. Das Projekt ist ja nicht neu, die Kosten wurden einst auf 45 Millionen Euro geschätzt. Das ist sehr viel Geld, aber der Gewinn für das KHM wäre enorm. Die Erweiterung wäre zudem eine konjunkturbelebende Maßnahme. Insofern ist es gerechtfertigt, in finanziell schwierigeren Zeiten solche Projekte anzugehen.

Standard: Soll man unterirdisch auch zum Naturhistorischen Museum gelangen können und in die Neue Hofburg?

Haag: Ich würde es begrüßen, wenn sich das NHM beteiligt. Ob eine Verbindung zum Museum für Völkerkunde und den anderen Sammlungen in der Neuen Burg technisch möglich ist, weiß ich nicht. Sehr reizvoll wäre, das gebe ich unumwunden zu, die Verbindung zum Museumsquartier. Die unterirdische Erweiterung hätte dann wirklich eine Verteilerfunktion. Seitens des Kulturministeriums kamen Signale, dass man bereit ist, über ein solches Projekt nachzudenken. Das wäre super. Wenn nicht jetzt der Zeitpunkt für Visionen ist: Wann dann?

Standard: Die Erweiterung ist ja nicht das einzige Projekt. Es geht auch um die Einrichtung des Museums für Völkerkunde - Kostenvolumen sechs bis acht Millionen Euro - und jene der Kunstkammer.

Haag: Dafür sind 17 Millionen Euro von der öffentlichen Hand notwendig. Auch das Theatermuseum müsste neu eingerichtet werden, aber wir dürfen uns nicht verzetteln. Die Kunstkammer hat absolute Priorität, sie ist die größte offene Wunde: Es geht um 2700 Quadratmeter mit 13 Sälen und neun Kabinetten mit insgesamt 3000 Objekten. Wir planen jetzt seit drei Jahren daran und brauchen noch einmal drei Jahre, bis die Sammlung tatsächlich wieder der Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Mir ist daher wichtig, dass es eine zeitgemäße, aber keine zeitgeistige Präsentation wird. Ich bin da sehr puristisch und vertraue auf die Aussagekraft der Objekte.

Standard: Müsste nicht auch die Schatzkammer neu aufgestellt werden? Die Besucherzahl sinkt kontinuierlich. 1999 betrug sie 338.660, 2007 nur mehr 279.541.

Haag: Die Schatzkammer, die wertvollste der Welt, war jahrelang ein Selbstläufer. Wir haben mit Sorge den Besucherrückgang registriert. Da müssen wir gegensteuern, besucherfreundlichere Maßnahmen setzen. Aber ein Umbau ist nicht angedacht, auch wenn die Neuaufstellung aus dem Jahr 1987 datiert.

Standard: Sie kündigten an, die Sekundärgalerie wieder öffnen zu wollen. Lässt sich das überhaupt bewerkstelligen? Die Räume im zweiten Stock werden doch mittlerweile als Depots und Büros genutzt.

Haag: Das Vorhaben, die Büros der Kunstkammer dorthin zu übersiedeln, konnte zum Glück abgewendet werden. Denn ich bin wirklich der Überzeugung, dass der zweite Stock für museale Zwecke genutzt werden soll - und nicht für die Verwaltung. Es gibt nichts, was zurückgebaut werden müsste. Dennoch ist die Sekundärgalerie nur ein mittelfristiges Projekt.

Standard: Es wird überlegt, das Völkerkunde- mit dem Volkskundemuseum zu fusionieren. Würde es weiterhin unter der Schirmherrschaft des KHM bleiben?

Haag: Das Kulturministerium hat Gespräche zwischen den beiden Museen initiiert. Unabhängig davon wird das Völkerkundemuseum im KHM-Verbund bleiben.

Standard: Obwohl dessen Sammlung nichts mit den kunsthistorischen Sammlungen zu tun hat.

Haag: Es sind die ehemals kaiserlichen Sammlungen. Die Breite der Sammlungen erschien mir immer sehr sinnvoll. Wir können daher aus dem Vollen schöpfen.

Standard: Seipel verfolgte ehrgeizige Expansionspläne, das Unternehmen Las Vegas - zusammen mit Guggenheim und der Eremitage - war aber ein Flop. Wie sehen Sie die globale Zukunft des KHM?

Haag: Die Kooperation mit der Eremitage und mit Guggenheim gibt es noch: Der Vertrag wurde vor kurzem verlängert. Aber er wurde bisher nicht stark genutzt. Ich möchte, dass er vor allem in wissenschaftlicher Hinsicht mit Leben erfüllt wird. Das Abenteuer Las Vegas hat wirklich nicht funktioniert. Ich stehe einem solchen globalen Ausstellungskonzept kritisch gegenüber. Ich glaube, dass das KHM international gut vernetzt ist: Der Leihverkehr ist intensiv genug.

Standard: Seipel verlieh gerne Vermeers "Malkunst", das wertvollste Gemälde des KHM, weil das viel Geld einbrachte - trotz heftiger Proteste der Gemäldegalerie wie der Restauratoren. Ihre Haltung dazu?

Haag: Wenn ein Kunstwerk Schaden nehmen könnte, bin ich strikt gegen einen Transport. Egal ob das Objekt nach Tokio reist oder nur nach Bregenz: Die Gefährdung ist dieselbe. Man muss die Frage der Verleihfähigkeit im Vorfeld klären. Man könnte so sehr viel an unangenehmer Publicity vermeiden.

Standard: Ihr Vorgänger wurde mit zwei Studien beauftragt. In der einen geht es um die "Weiterentwicklung der Bundesmuseen". Ist es nicht sonderbar, dass Seipel Ihnen erklären darf, wie der Hase läuft?

Haag: Ich werde die Studie mit Interesse lesen. Ich glaube aber nicht, dass sie einen Verhaltenskodex für die Museumsdirektoren darstellt.

Standard: Jahrelang hing in der Generaldirektion ein viel kritisiertes Gemälde von Adolf Reich, das einen KHM-Saal 1941 zeigt. Seipel hatte es mit Spenden erworben. Werden auch Sie sich daran ergötzen?

Haag: Es wurde als zeitgeschichtliches Dokument im Archiv inventarisiert. Dort ist es gut aufgehoben.

Standard: Vor zehn Jahren wurde vom damaligen Hausarchivar Herbert Haupt ein Provenienzbericht vorgelegt, der sich als lückenhaft herausstellte. Wie gehen Sie mit dem Thema Restitution um?

Haag: Seit 1. Dezember ist Franz Pichorner Direktor des Archivs. Er hat sich schon bisher intensiv mit Fragen der Restitution beschäftigt - und wird es weiterhin tun. Er hat meine volle Unterstützung. Ein externer Provenienzforscher wird demnächst seine Tätigkeit aufnehmen. Wir werden ihm alle Unterlagen zur Verfügung stellen. Es soll nichts bei uns im Haus bleiben, was unredlich erworben wurde.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2008)