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War im Innersten davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen nicht zusammenpassen - Samuel Huntington.

 

 

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Samuel Huntington starb in den letzten Tagen eines Jahres, in dem diese Ära unterging.


New York - Es ist schon eine fast gespenstische Koinzidenz, dass der US-Politologe Samuel Huntington ausgerechnet in den letzten Tagen dieses Jahres, am 24. Dezember, starb. 2008 markiert nichts weniger als das Ende der Welt, wie wir sie bisher kannten. Die welthistorische Phase, die mit dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges begonnen hatte, ging nun mit Finanzmarkt-Kernschmelze und Obama-Wahl zu Ende. Samuel Huntington war einer derer, die dieser Ära ihre Stichworte gaben.

Es waren im Grunde zwei Theorien, die in den vergangenen zwanzig Jahren Furore machten: Francis Fukuyamas Postulat vom "Ende der Geschichte" und Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen". Diese Thesen widersprachen sich ein wenig, aber sie ergänzten sich auch. Der liberalkonservative Politologe Fukuyama hatte 1989 in dem Essay "Ende der Geschichte?" behauptet, dass Geschichte in einem emphatischen Sinn zu Ende gehe, weil das westliche Modell (liberale Demokratie, freie Marktwirtschaft) gesiegt habe.

Die kulturellen Gräben

Huntington widersprach dem nicht direkt, meinte aber, dass mit dem Ende der Auseinandersetzung der Ideologien wieder die Konfrontation der Weltkulturen, der Großzivilisationen auf der Tagesordnung stünde. Huntington, eher ein traditioneller Konservativer als ein "Neokonservativer", breitete seine These erstmals 1993 aus. Die Welt sortiere sich nicht mehr entlang von Großideen, sondern entlang traditioneller kultureller Gräben, war Huntington überzeugt: hier der Westen mit seiner judäo-christlichen Tradition plus Aufklärung plus Marktwirtschaft. Da das buddhistisch-konfuzianische Asien, dort die muslimische Welt.

Huntington, der konservative Denker, war davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen nicht zusammenpassen. Er analysierte den identitären Diskurs - und war selbst schon Teil von ihm. Dies machte seinen Text zu einer Provokation. Die These vom Kampf der Kulturen machte etwas sichtbar - aber sie war auch, wie Essayist Nils Minkmar schrieb, "eine intellektuelle Kippfigur: Wenn man sie einmal im Sinn hat, deutet man alle Ereignisse nach diesem Muster."

Dann sind islamische Terroristen, chinesische Investoren, jugoslawische Sezessionisten und Hernalser Jungmachos mit "Migrationshintergrund" Symptome dafür, dass "die Kulturen" in einer ewigen Spannung zueinander stehen. "Die Angehörigen der verschiedenen Zivilisationen haben unterschiedliche Ansichten über das Verhältnis von Gott und Mensch, den Individuen und den Gemeinschaften, Bürger und Staat, Eltern und Kindern, Männern und Frauen und ebenso sehr verschiedene Auffassungen über das richtige Verhältnis von Rechten und Pflichten, Freiheit und Autorität, Gleichheit und Hierarchien", schrieb Huntington. Diese seien über Jahrhunderte gewachsen. Gleichzeitig werde "die Welt kleiner". Menschen unterschiedlicher Kulturen haben mehr miteinander zu tun.

Dies jedoch nivelliere die Differenzen nicht, es "verstärkt das Bewusstsein der kulturellen Differenzen". Weil der Westen am Höhepunkt seiner Macht steht, zieht er das Ressentiment nichtwestlichen Zivilisationen nach sich. Und weil die klassischen Ideologien und Politrhetoriken ("Sozialismus", "Nationalismus", "Postkolonialismus") delegitimiert seien, mithilfe derer die Underdogs der Welt zuvor revoltierten, griffen sie zunehmend zum religiösen Vokabular. Dies war eine frühe, hellsichtige Analyse jener Triebkräfte, die den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus begünstigten.

Von Religion geprägt

Aber Analysen sind nie "nur" Analysen, sie führen auch ein Eigenleben. So verkam Huntingtons Modell zur Bush-Doktrin, zum aggressiven "Wir gegen Sie". Gänzlich unschuldig ist Huntington zu dieser zweifelhaften Ehre nicht gekommen. Er hat die kulturellen Identitäten als etwas Festes beschrieben. Individuen waren für ihn primär von kulturellem Herkommen und von Religion geprägt. Nur wenige Jahre nach Erscheinen der Kulturkampf-Theorie legte er in "Who we are" nach, in dem er die These aufstellte, die Immigration aus Lateinamerika zerstöre die kulturelle Identität der USA. In den 1970ern stieg der Harvard-Professor zu einem der einflussreichsten Denker auf, weil er ob der Hippies und des "Verfalls der Autorität" die "Unregierbarkeit" der westlichen Demokratien vorhersagte. Mit der Kulturkampf-Theorie lag er besser. Denn wenn man den Kampf der Kulturen nur lange genug beschwört, kriegt man ihn auch. (Robert Misik / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2008)