München - Die israelischen Militäroperationen gegen die palästinensische Hamas im Gaza-Streifen stehen am Montag im Zentrum von internationalen Pressekommentaren:

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Das Militär soll richten, was die Politik nicht schafft: Ruhe an der Palästinenser-Front zu stiften. Doch das wird misslingen. Im Libanon-Feldzug vor zwei Jahren wurden 1300 Libanesen getötet und rund 160 Israelis. Gebracht hat der Waffengang außer einer folgenlosen UN-Resolution nichts. Die vom Iran unterstützte Hisbollah hat ihre Waffenarsenale inzwischen wieder gefüllt und eine neue Generation von Kämpfern rekrutiert. Obwohl der Krieg gegen die Hisbollah im Sommer 2006 nicht das damals erklärte Ziel erreicht hat, die Schiiten-Miliz zu zerstören, bombardiert Israel nun auch den Gaza-Streifen. (...)

Israels mächtige Armee will die Hamas das Fürchten lehren, doch die Gaza-Guerilleros haben keine Angst vor dem Tod. Außer einem Raketenregen, abgefeuert von Gaza aus, drohen Israel nun auch wieder Selbstmordanschläge. Dennoch bleibt die Strategie sämtlicher israelischer Regierungen bis heute gleich: Gewalt palästinensischer Terrorgruppen mit Gewalt zu vergelten. Der (Irr-)Glaube in Israel an die Armee ist allmächtig und läuft quer durch alle Bevölkerungsschichten. Das Militär soll richten, was die Politik nicht schafft: Ruhe stiften. Doch die massiven israelischen Vergeltungsschläge werden nur Unruhe auslösen."

"Frankfurter Rundschau":

"Die hohen Opferzahlen waren gewollt, um den Islamisten einen Schock zu versetzen. Dass es auch Kinder und Zivilisten traf, wurde nach amerikanischem Muster im Irak in Kauf genommen. (...) Es geht den Israelis in erster Linie darum, den Kassam- und Mörser-Beschuss aus Gaza zu stoppen und nicht unbedingt darum, das Hamas-Regime zu stürzen - immerhin eine Ordnungsmacht in Gaza. Bräche die völlig zusammen, hätte man eine prekäre Lage: anarchische Verhältnisse, in denen Banden herrschen, ein Sumpf, in dem Al-Kaida-Zellen besser denn je gedeihen könnten."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin).

"Die Zahl der zivilen Opfer gehört zum Kalkül erbarmungsloser militärischer Abschreckung. Die Aufkündigung der Waffenruhe durch die Hamas und die ebenso sinn- wie wirkungslosen Einschläge der Katjuscha-Raketen dienen dabei nur als Vorwand, um ein mittelfristig bedeutenderes Ziel zu erreichen, die Beendigung der Islamistenherrschaft im Gaza-Streifen, das Ende von 'Hamastan'. Im israelischen Wahlkampf dürfte (Verteidigungsminister Ehud) Barak damit punkten. (...) Israel kann sich auf die offene Rückendeckung aus den USA und eine inoffizielle seitens der EU verlassen. (...) Eine militärisch gestutzte Hamas und ein in Chaos und Elend versunkener Gaza-Streifen könnten auf Jahresfrist den Weg für Neuwahlen freimachen, die die politisch genehmere Fatah an die Macht zurückbringt. Das würde auch der kommenden US-Regierung eine neue Nahost-Initiative erheblich erleichtern. Den Preis für dieses Kalkül zahlen die Palästinenser mit ihrem Blut."

"Neues Deutschland" (Berlin):

"Die Katastrophe in Gaza konnte jeder voraussehen, der es wissen wollte. Während die Hamas ihren politisch unvernünftigen und militärisch sinnlosen Raketenbeschuss intensivierte und die israelischen Drohungen darob immer unverhohlener wurden, ließen sich die Großmächte nicht davon abhalten, ihre vermeintlich auf gutem Wege befindliche Nahost-Strategie zu feiern. Selten war Diplomatie zynischer. In diesem Lichte sollten denn auch alle Reaktionen auf das Blutbad von Gaza gesehen werden. (...) Weder die Verantwortungslosigkeit der palästinensischen Radikalen noch das Versagen der Großmächte noch die Scheinheiligkeit der Nachbarn rechtfertigt allerdings das rabiate Vorgehen Israels, welches jede Relation vermissen lässt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Eines scheint gewiss zu sein: Wenn es nicht bald gelingt, erfolgreich und dauerhaft zwischen Israel und der Hamas zu vermitteln, steht dem Nahen Osten ein neues blutiges Jahr bevor. Die jüngsten schweren Angriffe der Israelis auf den Gaza-Streifen werden die radikalislamische Hamas nicht zum Einlenken bewegen, sondern neue Märtyrer schaffen. Dieser Mechanismus funktioniert seit vielen Jahren mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Tel Aviv und anderen Städten Israels wieder zu Selbstmordattentaten kommen wird, ist seit dem Wochenende stark gestiegen. (...) Zerstoben sind einstweilen Hoffnungen, die sich an die Abreden von Annapolis geknüpft hatten. Die waren zwar mit dem in Ramallah residierenden und verhandlungsbereiten Präsidenten Mahmoud Abbas getroffen worden, doch auch dieser kann sich gegenüber israelischen Vergeltungsschlägen mit Hunderten von Toten nicht neutral verhalten.

Zwar sind Fatah und Hamas miteinander verfeindet, aber sie alle sind schließlich doch Palästinenser. Auch ist es nicht so, dass die Hamas im Westjordanland, wo Fatah den Ton angibt, nicht vorhanden wäre, im Gegenteil: Schon jetzt sympathisieren nicht wenige im Westjordanland mit der Hamas, vor allem an einigen Universitäten. Israelische Militäraktionen wie die jüngste tragen dazu bei, dort den Einfluss des 'islamischen Widerstandes' zu festigen."

"La Repubblica" (Rom):

"Zu den Prioritäten von Obama (neben der Wirtschaftskrise, dem Irak und Afghanistan) zählt jetzt auch der israelisch-palästinensische Konflikt, der bisher in den Schatten verbannt zu sein schien. Und es wird Aufgabe eben dieses Präsidenten der Vereinigten Staaten sein, für den Israel im Nahen Osten der wichtigste Verbündete ist, die Idee eines wahren Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern wiederaufzugreifen oder, besser gesagt, zu erzwingen. Dabei liegt die Schwierigkeit für Obama wie für seine Vorgänger darin, ein entschlossener und unparteiischer Schiedsrichter zu sein."

"de Volkskrant" am Montag:

"Jetzt, wo Israel auch noch 6500 Reservisten mobilisiert, müssen Amerikaner und Europäer die Regierung von Ehud Olmert mit Macht darauf hinweisen, dass sie sich auf einem unheilvollen Weg befindet. Während das Ausmaß der Gewaltanwendung durch Israel moralisch verwerflich ist, können auch noch mehr Luftangriffe die politische Wirklichkeit nicht verändern. Die Hamas kann verwundet, aber nicht beseitigt werden. Durch die demografischen Gegebenheiten und den Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten für junge Menschen im Gaza-Streifen verfügt die Bewegung über ein enormes Reservoir an 'Märtyrern'. Solange das der Fall ist, muss die Welt, einschließlich Israel, versuchen, mit der Hamas auf diplomatischem Wege eine sichere Waffenruhe zu erreichen." "The Times" (London):

"Israels Rückzug vom Gaza-Streifen vor drei Jahren war für das Land ein traumatisches Erlebnis. Das Land zog Soldaten und Siedler zurück, um dann von den neuen Nachbarn beschossen zu werden. Viele israelische Politiker werden sagen, dass Hamas ihre Chance verpasst hat. Die beiden Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten, Außenministerin Tzipi Livni und Oppositionsführer Benjamin Netanyahu, zeigten sich bereit, Hamas in Gaza mit militärischer Gewalt zu stürzen. Mit der bevorstehenden Wahl im Februar - der Zeitpunkt der Gewalt ist kein Zufall - erscheint ein solches Unternehmen zunehmend wahrscheinlich. Aber der humanitäre Preis dafür wäre schrecklich. Israels Führer müssen überlegen, ob mehr Blutvergießen tatsächlich Sicherheit für ihr Land bringt."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Die Krise der letzten Tage bestätigt aufs Neue, dass die internen Spannungen der palästinensischen Bewegung (...) zugenommen und den Konflikt wieder entzündet haben. Dabei spielt jedoch ein steinerner Gast, der jede Möglichkeit eines Friedens blockiert, eine entscheidende Rolle: Und das ist der Iran, (...) der Iran, der Hamas unterstützt und mit seinem atomaren Rüstungswettlauf nicht nur Israel und den Westen, sondern auch fast die ganze arabische Welt beunruhigt."

"El País" (Madrid):

"Friedensappelle und schöne Worte helfen im Nahost-Konflikt nicht weiter. Konkrete Aktionen der Weltgemeinschaft sind die einzige Chance, dem Drama ein Ende zu setzen. Die arabischen Staaten müssen Hamas isolieren und Mittel entziehen, bis die radikalislamische Organisation zu einem Gewaltverzicht bereit ist. Die USA und die EU dürfen sich in dem Konflikt nicht länger mit der Zuschauerrolle begnügen. Man darf nicht, wie Washington dies tut, alle Aktionen Israels gutheißen. Stattdessen sollte der Westen die Israelis mit Handelsbeschränkungen und politischen Sanktionen unter Druck setzen, bis sie zu ernsthaften Verhandlungen bereit sind." (APA/dpa/AFP)