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Maria Lassnig auf einem Archivbild von 2005.

Foto: APA/WIENER STAATSOPER/AXEL ZEININGER

Wien - Maria Lassnig hat die Weihnachtstage zum Ausruhen verwendet. Am 24. Dezember hat die Künstlerin in ihrem vor drei Jahren bezogenen neuen Wiener Atelier nur die Putzfrau empfangen. Vorbereitungen für große Ausstellungen sind immer anstrengend. Und die Schau "Maria Lassnig - Das neunte Jahrzehnt", die am 12. Februar im Museum Moderner Kunst (Mumok) in Wien eröffnet wird, ist mit rund 60 Gemälden aus den vergangenen zehn Jahren ohne Zweifel wichtig. Nur mit dem Titel ihrer dritten Personale (nach 1985 und 1999) ist Lassnig nicht recht glücklich. "Ich möchte nicht, dass das Alter so betont wird. Da fühle ich mich so alt, dass ich am liebsten auf allen Vieren kriechen würde. Wer den Titel liest, erwartet sich eine Greisin."

"Die Innenschau ist anstrengend"

Am 28. September 2009 wird die im kärntnerischen Kappel am Krappfeld Geborene 90 Jahre alt. Der schmerzende Rücken und der notwendige Verzicht auf Nikotinkonsum und Motorradtouren ("Man muss vernünftig leben") erinnern Lassnig daran, dass sie nicht mehr die Jüngste ist. Ihre ungebrochene Produktivität spricht eine andere Sprache. Was in den vergangenen Jahren in ihrer Kärntner Heimat, in ihrem früheren Wiener Atelier nahe Schönbrunn oder in dem mit Glaswänden abgetrennten, wohl temperierten Studio in ihrem neuen Domizil mit Blick auf die Gloriette entstanden ist, zeigt eine agile, ungebrochen kreative Künstlerin, die immer wieder Neues ausprobiert. Zu ihrer bekannten Körperbewusstseinsmalerei sind viele andere Motive dazugekommen, ganze Serien, in denen sie auch mit immer neuem Umgang mit Farbe und Licht überrascht. "Die Innenschau ist anstrengend", erzählt sie gegenüber der APA, da seien andere Bildfindungen für sie geradezu Erholung.

"Keller-Bilder"

An der Atelier-Wand lehnt ein kürzlich fertig gestelltes Großformat: "Die Nasenflucht in die Vasenschlucht" nennt Lassnig die blumenbestandene Waldwiese, über der ein fliegendes, nasenähnliches Gebilde Erholung vom Gestank der Großstadt sucht. Auch eine Serie von "Adam und Eva"-Bildern variiert das bekannte Sujet mitunter in augenzwinkernder Weise. Als Lassnig einmal mit ihren Modellen in den Keller ihres Kärntner Hauses stieg, entstanden farbintensive, kontrastreiche Gemälde ("Die Dunkelheit ist schwer zu malen"), auf denen sich die porträtierten Gestalten in Zellophan-Folie hüllen oder verstricken. Es waren aber weniger diese "Keller-Bilder" als Assoziationen zu anderen Keller-Ereignissen, die anlässlich ihrer Londoner Ausstellung im vergangenen Sommer Lassnigs Werke bedrückend aktuell wirken ließen: Eine Serie von um 2003 entstandenen Bildern zeigt einen feisten, nackten Mann einmal als "Weltzertrümmerer", das andere Mal als "Don Juan d'Austria" und schließlich als "Kinderschreck" - unmissverständliche Missbrauchsdarstellungen.

"Ich habe Gott sei Dank nicht so schreckliche Dinge gesehen wie etwa Goya, aber ich bin durchaus nicht als behütetes Kind aufgewachsen", erzählt Lassnig. Wenn sie sich zurückerinnere, wie sie etwa als Kleinkind allein am Feld zurückgelassen worden sei, "wundere ich mich manchmal, dass ich noch am Leben bin." Dass sie von einem Professor der Wiener Akademie der bildenden Künste als "entartete Künstlerin" aus der Klasse geworfen und von einer Mitstudentin beim NS-Studentengericht verklagt worden war ("Ich hatte eine Scheißangst"), hält sie jedoch für kaum erwähnenswert. Sie weiß, was anderen in dieser Zeit widerfahren ist.

Antithese zum Hausfrauen-Dasein

Die Ausstellung in der Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park war Lassnigs erste große Einzelausstellung in Großbritannien und für die zweifache documenta-Teilnehmerin (1982 und 1997) eine weitere Etappe zu internationalem Ruhm. Für die Mumok-Schau wird die dort gezeigte Auswahl noch einmal ergänzt und erweitert - mit tatkräftiger Mithilfe der Künstlerin: "Selber weiß ich schon am Besten, was gut ist und was nicht." Die Trickfilme ihrer New Yorker Zeit 1968-80 werden vermutlich fehlen, über ein eindrucksvolles "Selbstporträt mit Kochtopf" (1995) dürfte noch diskutiert werden. Diese gemalte Antithese zum Hausfrauen-Dasein wolle sie selbst "gar nicht so betonen, aber es wird immer wieder hervorgehoben", sagt die Grande Dame der österreichischen Malerei und überrascht: "Ich sehe mich gar nicht so feministisch."

"Schutzgöttin der Liebespaare"

"Das Leben ist etwas an mir vorbeigegangen", sagt Maria Lassnig, die sich selbst als "Schutzgöttin der Liebespaare" bezeichnet: "Ich habe immer Freundschaften gekittet, schon in der Jugend. Und für die Anzahl der Nachkommen, die ich gestiftet habe, müsste ich einen Preis kriegen. Ich selbst habe aber keine Familie. Ich fühle mich ganz allein." Sie zeigt dazu ihr breites, entwaffnendes Lächeln, das man als Selbstironie interpretieren könnte, oder als Versuch, Traurigkeit mit Heiterkeit zu überspielen. Wäre sie in New York geblieben, wäre sicher alles ganz anders gekommen, meint sie, und erzählt enthusiastisch von winzigen Atelierräumen mit herrlichem Blick über die berühmte Skyline. "Dort ist alles groß, auch die Möglichkeit, die jeder hat. Hier regiert der kleine Neid unter den Künstlern. Wie ich festgestellt habe, dass sich daran nichts geändert hat, habe ich sofort bereut, zurückgekommen zu sein."

Karriere im Kunstkontext

Immerhin erhielt sie nach ihrer Rückkehr 1980 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien als erste Malerin im deutschsprachigen Raum eine Akademie-Professur, vertrat im selben Jahr zusammen mit Valie Export ihre Heimat bei der Biennale in Venedig, bekam 1988 den Großen Österreichischen Staatspreis und später zahlreiche weitere Auszeichnungen. Folgen zu ihrem 90er weitere Ehrungen? "Hoffentlich nicht", antwortet Maria Lassnig und lächelt. "Ich habe nie Geburtstage gefeiert. Ich habe schon mit 19 das Gefühl gehabt, alt zu sein." (APA)