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Noch schnell einen Colt, bevor der Erwerb vielleicht erschwert wird: Waffengeschäft in Fairfield, Texas.

Foto: REUTERS/Jessica Rinaldi (UNITED STATES)

Der Mann, den alle nur Quack nennen, ist ein bulliger Kerl von knapp 60 Jahren. Seine kurzen Haare sind grau, die Augen hinter den Brillengläsern müde. In aller Herrgottsfrühe ist er aufgestanden, um Tische mit blauem Tuch auszuschlagen, Kisten zu schleppen und als Blickfang sein bestes Stück aufzubauen: ein britisches Maschinengewehr, Baujahr 1930.
Quack handelt mit Waffen. Die bietet er auf einer Gun Show feil, einem dieser Basare für Schießeisen, wie es sie in Amerika zu Dutzenden gibt. Der Renner sind Magazine, die man einklicken kann in die AK-47, die Kalaschnikow. Ganze Kartons davon stapeln sich auf den Tischen. Das Pentagon ließ sie in Südkorea herstellen, bestimmt waren sie für die afghanische Armee, den Verbündeten am Hindukusch. Restbestände sind bei Quack gelandet, auf welchen Umwegen auch immer.

Dale City, eine Kleinstadt in Virginia. Der Ortsverein der Kriegsveteranen hat seinen Saal für die Waffenbörse geräumt. Normalerweise spielen sie hier Bingo, meist in kleiner Rentnerrunde. Heute herrscht Hochbetrieb wie im dichtesten Kaufhausgewühl.
Da sind Väter mit Baseballkappen, die ihren Söhnen erklären, wie man richtig zielt mit einer Smith&Wesson-Pistole. Da ist ein Waffennarr, der mit geschultertem Gewehr seine Runden dreht, als wäre er auf Patrouille. Schließlich die Typen mit Sonnenbrillen und Silberkettchen, die stumm und zielsicher auf das breit gefächerte Sortiment von „Trader Jerry" zusteuern. Ein Remington-Gewehr, Modell 1100, ist für 725 Dollar zu haben. Munition, hergestellt in russischen Fabriken, wird als Schnäppchen angepriesen. 50 Schuss für 20 Dollar.

Während Autohändler und Möbelverkäufer überall in den USA über die Rezession klagen, ist der Umsatz der Waffenbranche sprunghaft gestiegen. Das liegt daran, dass Barack Obama die Wahl gewann. Die Angst vor strengeren Gesetzen löst eine Art Torschlusspanik aus - eine kuriose Folge des historischen Votums, gepaart mit einer bizarren Debatte.
Einerseits glättet Obama, früher ein Anhänger strengerer Kontrollen, die Wogen. Er zeigt wenig Lust, sich mitten in der Wirtschaftskrise auch noch mit der mächtigen Flintenlobby anzulegen, der National Rifle Association (NRA). „Ich respektiere das Recht eines jeden, eine Waffe zu besitzen, und ich werde dieses Recht schützen", verspricht er. Andererseits schlägt die NRA in einer Lautstärke Alarm, als wolle sie vor dem Weltuntergang warnen. „Obamas Administration hat es auf eure Freiheit abgesehen", donnert Wayne LaPierre, ihr streitlustiger Chef. „Aber wir stehen bereit."

Jerry Coffey soll es recht sein. Die Interessenten drängen sich bei ihm, am Stand der Verteidigungsliga der Bürger Virginias. Coffey verkauft nichts, er verteilt nur Visitenkarten. Auf denen ist ein durchgestrichener Revolver zu sehen, und von dem führt ein Pfeil zu einem durchgestrichenen Dollarzeichen. Händler, die bewaffneten Kunden den Zutritt verwehren, sollen durch Boykott bestraft werden. „Wir erfüllen Ihren Wunsch, indem wir woanders einkaufen", steht in lakonischer Kürze auf den Kärtchen. Man soll sie wortlos auf den Ladentisch legen. Ganz neu ist der Gag nicht. Neu ist, dass Coffey, ein Ex-Regierungsbeamter, Widerstand gegen einen Präsidenten organisiert. Gegen Obama. Gegen das, was er „Clinton II" nennt.
1994, als Bill Clinton im Weißen Haus residierte, ließ er den Besitz halbautomatischer Waffen einschränken. Maschinenpistolen durften nicht mehr an Zivilisten verkauft werden. Nach zehn Jahren lief das Gesetz aus, unter George W. Bush wurde es nicht verlängert. Nun fürchten Lobbyisten wie Jerry Coffey, dass Obama einen neuen Anlauf nimmt. (Frank Herrmann aus Dale City, DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2008)