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Menschen suchen Zuflucht in einer von den Vereinten Nationen betriebenen Schule in Gaza. Laut UN starben am Dienstag bei einem Angriff auf das Gebäude drei Menschen, Ärzte sprachen von 40 Toten.

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Im nördlichen Gazastreifen steig am Dienstag Vormittag Rauch auf.

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Gaza - Israelische Panzergranaten haben nach Angaben von Ärzten mindestens 40 Palästinenser nahe einer Schule der Vereinten Nationen im Gazastreifen getötet. Den Angaben nach schlugen am Dienstag zwei Geschosse vor dem Gebäude ein, in dem Hunderte Palästinenser Zuflucht vor den Kämpfen zwischen israelischen Soldaten und der radikal-islamischen Hamas suchten.

Nach Darstellung des israelischen Militärs haben Milizionäre der Hamas Mörsergranaten aus der UNO-Schule gefeuert. Israelische Soldaten hätten das Feuer der Milizen lediglich erwidert, sagte ein israelischer Militärsprecher in Tel Aviv. "Es ist nicht das erste Mal, dass palästinensische Militante aus einer UNO-Schule heraus geschossen hätten", fügte er hinzu.

Die am Dienstag von Israel beschossene Schule im nördlich gelegenen Jabaliya beherbergt Palästinenser, die wegen der Kampfhandlungen im Gaza-Streifen dorthin geflohen sind. Über ihr weht die blaue Fahne des UNO-Hilfswerks UNRWA. Palästinensische Augenzeugen hatten den Vorfall - den bisher blutigsten Angriff im Rahmen der seit elf Tagen andauernden israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen - etwas anders dargestellt. Demnach hätten Hamas-Milizionäre in der Tat mit Mörsern auf israelische Panzer geschossen. Sie hätten sich jedoch nicht in der Schule, sondern in der Nähe des Gebäudes aufgehalten.

Ban: Angriffe auf UN-Schulen "inakzeptabel"

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat die israelischen Angriffe auf Schulen der Vereinten Nationen ungewöhnlich scharf kritisiert. Attacken israelischer Militärs auf UN-Einrichtungen, die als Schutz für Flüchtlinge dienten, seien "völlig inakzeptabel" und dürften nicht wieder vorkommen, erklärte der UN-Chef am Dienstag in New York. Israel kenne die Standorte der UN-Einrichtungen und sei nach früheren Zwischenfällen bereits gewarnt worden, dass die Militäraktionen eine Gefahr bedeuteten. "Ich bin tief bestürzt, dass sich trotz dieser wiederholten Bemühungen die heutigen Tragödien ereignet haben", betonte Ban.

Seinen Angaben zufolge sind in den vergangenen Tagen drei vom UN-Hilfswerk UNRWA betriebene Schulen im Gazastreifen von israelischen Militärschlägen getroffen worden. Diese und zwanzig andere Einrichtungen dienten als vorübergehender Zufluchtsort für mehr als 15.000 Palästinenser, deren Häuser zerstört wurden oder die vor der Gewalt fliehen mussten, sagte er. "Sie suchen Schutz in den UNRWA-Schulen, weil sie nirgendwo sonst hingehen können und weil sie nicht aus dem Gazastreifen fliehen können." Die Anschläge belegen Ban zufolge, wie gefährlich eine weitere Eskalation des Konflikts ist. Erneut forderte er eine sofortige Waffenruhe.

Mehr Tote als offiziell mitgeteilt

Nach Angaben der Vereinten Nationen am Mittwoch sind bei dem Angriff mehr Menschen ums Leben gekommen als zunächst offiziell mitgeteilt. UNO-Nothilfekoordinator John Holmes sprach am Mittwoch in New York von 43 Toten und 100 Verletzten. Am Dienstag war zunächst von etwa 30 Toten und 55 Verletzten die Rede gewesen. Die Palästinenser hatten von Anfang an höhere Opferzahlen genannt.

Der Direktor des UNO-Palästinenserhilfswerks UNWRA, John Ging, bekräftigte in einer Videoschaltung aus dem Gazastreifen, nach den Erkenntnissen am Ort des Geschehens hätten sich keine Soldaten oder Milizen in der Schule befunden. Die Israelis erklären das Gegenteil. Das UNO-Hilfswerk hat deshalb eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls beantragt. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren in der Schule etwa 350 Familien untergebracht, deren Häuser während der israelischen Offensive zerstört worden waren.

Weiterer israelischer Soldat getötet

Bei Kämpfen im Gaza-Streifen ist am Dienstag nach Angaben eines Militärsprechers ein weiterer israelischer Soldat getötet worden. Vier Soldaten erlitten Verletzungen, als ein israelischer Trupp im nördlichen Gaza-Streifen bei einer Durchsuchung von Milizionären der radikal-islamischen Palästinenser-Bewegung Hamas angegriffen wurde, bestätigte ein israelischer Militärsprecher. Die Zahl der Todesopfer unter den Palästinensern seit Beginn der israelischen Offensive vor elf Tagen stieg auf 635, fast 3.000 Menschen wurden verletzt. Auf israelischer Seite fielen nach offiziellen Angaben bis Dienstagabend sechs Soldaten, etwa 30 Soldaten erlitten Verletzungen.

Israel weitet Bodenoffensive aus

Auch nach Besuchen der EU-Troika und des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Jerusalem und Ramallah war kein Ende der Kämpfe im Gazastreifen in Sicht, sie schienen sogar noch blutiger zu werden. Im Namen der EU hatte Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg eine Waffenruhe verlangt. Israels Außenministerin Zipi Livni wollte hingegen Zeit für die Militäroperation "bis zu dem Punkt, an dem wir entscheiden, dass wir unsere Ziele erreicht haben".

Israelische Panzer waren zuletzt im Süden des Gazastreifens bis Khan Younis vorgerückt. Gaza-Stadt war eingekreist, und die Israelis griffen weiter vom Boden, aus der Luft und vom Wasser her Ziele an. Israel wirft der Hamas vor, sich in Wohngebieten zu verschanzen und so vorsätzlich Zivilisten dem israelischen Feuer auszusetzen. Am Ostrand von Gaza war es am Montagabend zu besonders heftigen Feuergefechten gekommen. Durch Fehlschüsse der eigenen Truppen wurden vier israelische Soldaten getötet und mehr als 20 verletzt.

Keine Stromversorgung

Die Israelis gaben an, dass sie seit Beginn der Bodenoperation am Samstag 130 Hamas-Kämpfer getötet und Dutzende gefangengenommen hätten. Die palästinensische Seite meldete regelmäßig zahlreiche zivile Todesopfer, darunter viele Kinder und Frauen. Die Spitäler waren völlig überfordert, an vielen Punkten brach die Stromversorgung zusammen, weil Leitungen beschädigt wurden - das Internationale Rote Kreuz in Genf sprach von einer "extremen und traumatischen" Situation und von einer "Krise humanitärer Art in großem Maßstab" . Die Israelis halten dem entgegen, dass trotz der Kämpfe fast täglich rund 80 Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen durchgelassen würden.

Trotz des militärischen Drucks feuerte die Hamas allein am Dienstagvormittag wieder rund 20 Raketen auf israelische Städte ab. Von Hamas-Seite hieß es, man werde noch "über Wochen" Raketen abschießen können, eine Einschätzung, die von Israels militärischem Nachrichtendienst geteilt wurde. Die Hamas-Führung hielt sich weiterhin versteckt und verbreitete Videobotschaften mit Durchhalteparolen. Dass eine Hamas-Delegation erstmals seit Beginn der Kämpfe zu Gesprächen nach Kairo aufgebrochen war, wurde in Israel als Zeichen dafür gewertet, dass die Islamisten schwer angeschlagen sind.

Die Hamas scheint dabei eine Anerkennung ihrer Position als Machthaber in Gaza herausholen zu wollen. Ägypten wiederum will bei seinem Übergang zum Gazastreifen der Hamas kein Mitspracherecht geben, sondern nur die Behörde von Präsident Mahmud Abbas als Partner akzeptieren. Als Kernbedingung für die Waffenruhe nannte Israel einen international abgesicherten Mechanismus, der garantieren müsse, dass die Hamas künftig keine Waffen mehr einschmuggeln kann. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/red /DER STANDARD, Printausgabe, 07.01.2009)