Es ist schön, endlich wieder strahlende Gesichter bei meinen Mitarbeitern zu sehen." Sagte Ross Brawn, nachdem Jenson Button und Rubens Barrichello in seinen Autos zum Auftakt der Formel-1-WM in Melbourne zum Doppelsieg gebraust waren. Brawn dachte dabei weniger an die strahlenden Gesichter seiner Piloten als an die insgesamt 700 Mitarbeiter seiner Firma. Die waren vor ein paar Wochen ratlos.

Honda Racing hatte sein Formel-1-Team zugesperrt, und angesichts der Krise war kein Käufer in Sicht, der das Unternehmen weiter führen könnte. Bis der Engländer Ross Brawn, Teamchef von Honda, seinem ehemaligen Arbeitgeber das Team abkaufte. Um den symbolischen Preis von einem Pfund. Und in Melbourne passierte, was seit 32 Jahren, seit dem Sieg von Jody Scheckter für das Team von Walter Wolf, nicht mehr passiert war: Ein Neueinsteiger gewinnt gleich in seinem ersten Rennen.

Der Neueinsteiger, das ist der Rennstall namens Brawn GP Formula One, welcher mit Kundenmotoren von Mercedes unterwegs ist. Ross Brawn selbst ist ein alter Hase und seit 1976 in der Formel 1 unterwegs. 1994 und 1995 wurde er zum ersten Mal über die Szene hinaus auffällig. Er machte den Technischen Direktor bei Benetton und zeichnete somit für die ersten beiden WM-Titel des Michael Schumacher verantwortlich. Und er ist auch schuld am wenig schmeichelhaften Spitznamen "Schummel-Schumi" , auf den der berühmte Deutsche hören musste, nachdem er wegen einer regelwidrigen Bodenplatte am Benetton disqualifiziert worden war. 1996 folgte Brawn Schumacher zu Ferrari. Und sorgte als Technischer Direktor für die fünf WM-Titel en suite, von 1999 bis 2004.

Brawn, der studierte Messtechniker, pflegt die Grenzen jedes Reglements auszureizen. Und bisweilen auf seine ganz eigene Art zu interpretieren. Der passionierte Fliegenfischer aus Manchester und Vater zweier Töchter sorgte schon vor dem Triumph für Aufregung. Denn der Diffusor am Unterboden seiner Autos - Williams und Toyota verwenden Ähnliches - regte einige Konkurrenzteams zu Protesten an, die die Regel völlig anders ausgelegt hatten und jetzt das Nachsehen haben. Derzeit schwebt diese Angelegenheit, die erst am 14. April entschieden wird. 

Brawn GP ist also auch am kommenden Sonntag in Malaysia zu favorisieren. Abgesehen davon sammelt Ross Brawn Weine aus Bordeaux und Burgund. Und er züchtet Rosen, englische natürlich. "Als Ausgleich zu meinem hektischen Leben." (Benno Zelsacher - DER STANDARD PRINTAUSGABE 30.3. 2009)